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Leben

Ein Plädoyer für die Sortenvielfalt

Kleingarten Magazin
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Oktober 2017

Hauptanliegen des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) ist es, die vielen verschiedenen Sorten und Arten von Nutzpflanzen vor dem Verschwinden zu bewahren. Viele Mitglieder des Vereins bauen in ihren privaten Gärten ganz gezielt bestimmte Sorten an, kultivieren sie und entwickeln sie weiter.

Bei den bisher im Rahmen dieser Kleingarten Magazin-Serie vorgestellten Pflanzenzüchtern ließ sich ohne Weiteres einfach sagen, wo sich ihr Betrieb befindet, welche Fläche ihnen für die Zucht ihrer Pflanzen zur Verfügung steht und wie viel davon auf den Freilandanbau und wie viel auf den Anbau unter Glas entfällt. Beim VEN ist das anders: Die Pflanzen werden auf überall in Deutschland verteilten Flächen von Mitgliedern angebaut und vermehrt – es handelt sich hier ja auch um einen Verein und nicht um einen Pflanzenzuchtbetrieb. „Ganz anders als zum Beispiel die österreichische Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt Arche Noah haben wir kein zentrales Büro, kein Saatgutarchiv und keinen Schaugarten“, ergänzt die erste Vorstandsvorsitzende des Vereins Susanne Gura. „Beim VEN läuft alles über unsere weit mehr als 600 Mitglieder, die teilweise regional organisiert, teilweise auch über das gemeinsame Interesse an bestimmten Arten und Sorten miteinander vernetzt sind.“

Gegründet von Enthusiasten und Besorgten
Der VEN wurde 1986 in Worpswede mit dem Ziel gegründet, Kulturpflanzen und Kulturpflanzensorten vor dem Verschwinden zu bewahren – von Enthusiasten und Besorgten, wie es in der Kurzvorstellung des Vereins heißt. Grund zu Besorgnis boten damals unter anderem die Ausführungen von Pat Roy Mooney zur Konzentration der Saatgutindustrie und zum Schwinden der Sortenvielfalt in Industrieländern in seinem 1981 in deutscher Sprache erschienenen Buch „Saat-Multis und Welthunger“ sowie Warnungen aus der Wissenschaft, dass die Kulturpflanzenvielfalt auch in den Entwicklungsländern bereits verloren gehe. Schon früh stellte Pat Roy Mooney zudem fest, dass Chemiekonzerne Saatgutzüchterfirmen aufkaufen und Sorten auf den Markt bringen, die nur bei Einsatz von Agrarchemie den erwarteten Ertrag bringen. Eine Motivation dafür, tatkräftig durch die Kultivierung und Vermehrung von Nutzpflanzen auf eigenen Anbauflächen die Arten- und Sortenvielfalt zu erhalten und zu vergrößern, bot dagegen das 1982 von Bernward Geier, einem der Gründer des VEN, veröffentlichte Buch „Biologisches Saatgut aus dem eigenen Garten“. Damit war zum ersten Mal seit 40 Jahren eine Publikation zum Thema Samenbau für biologisch ausgerichtete Hobbygärtner in deutscher Sprache erschienen. Die Samen der verschiedenen Sorten nicht einfach nur zu sammeln und in Genbanken für spätere Forschung oder Züchtung einzulagern, sondern die Sorten durch den Anbau und die Vermehrung zu erhalten war von vorneherein eines der erklärten Ziele des VEN. „Die Arbeit von Genbanken ist sehr wichtig, und wir haben von dort auch schon Samen von Sorten, die uns interessieren, für die Aussaat erhalten“, führt Susanne Gura aus. „Aber die Sorten können sich, wenn sie dort als Saatgut eingelagert sind, natürlich nicht an sich verändernde Umweltbedingungen anpassen. Gerade die Genetik alter Sorten ist aber oft so breit, dass sie sich, wenn wir sie bei uns im Garten kultivieren und vermehren, im Laufe der Zeit den Umweltveränderungen entsprechend weiterentwickeln können.“ Hinzu kommt, dass die Mitglieder von VEN die Sorten in ihren eigenen, in den verschiedensten geografischen Regionen gelegenen Gärten mit den von ihnen jeweils bevorzugten Anbaumethoden auf unterschiedlichen Böden unter verschiedenen klimatischen Bedingungen anbauen. Dies trägt zu einer Vielfalt verschiedener Eigenschaften innerhalb einer Sorte bei. Beispielsweise vor dem Hintergrund des Klimawandels ist es von großer Bedeutung, dass die Sorten nicht einfach nur so, wie sie heute sind, als historisches Relikt erhalten bleiben. Vielmehr geht es darum, ihnen durch permanente Nutzung die Chance zu geben, als sich stetig fortentwickelnde Sorte mit dem Wandel Schritt zu halten. So kann vielfältiges, gentechnikfreies und den Grundsätzen des VEN entsprechend frei verfügbares Saatgut für zukünftige Generationen bewahrt werden. „Wir konzentrieren uns bei unserer Arbeit auf für Privatgärten geeignete Sorten“, so Susanne Gura. „Die Anforderungen sind hier ganz andere als im kommerziellen Bereich. Für den Eigenbedarf sollte möglichst nicht alles gleichzeitig reif sein, damit man länger frisch ernten kann. Und wenn sie gut schmeckt, kann zum Beispiel eine Tomate auch eine dünnere Haut haben; anders als im Handel muss hier nicht alles lagerfähig sein. Oder Guter Heinrich und Baumspinat: Diese alten Sorten verwelken schon fast auf dem Weg vom Beet zur Küche, sind aber sehr lecker und lohnend für den Eigenanbau. Der Handel konzentriert sich hier lieber auf den länger haltbaren Spinat.“

Im Zeichen der Pastinake
Stellvertretend für all die vernachlässigten Gemüsearten und -sorten, denen der VEN wieder zu neuer Geltung verhelfen möchte, wählten die Gründer des Vereins die Pastinakenwurzel als Logo. Die Nutzung dieses alten mitteleuropäischen Wurzelgemüses geht bis auf die Jungsteinzeit zurück. Im Mittelalter gehörte die Pastinake sogar zu den Grundnahrungsmitteln, verlor diese Bedeutung aber mit Einführung der Kartoffel und geriet allmählich weitgehend in Vergessenheit. Zur Zeit der VEN-Gründung war sie im Nahrungsmitteleinzelhandel praktisch nicht mehr erhältlich. Das hat sich seitdem etwas verändert: Sicherlich gehören Pastinaken auch heute noch zu den unbekannteren Gemüsearten, aber sie sind mittlerweile doch auf den Wochenmärkten, in einigen Feinschmeckerrestaurants und in vielen Bioläden und Gemüsekisten zu finden. „Dass die Pastinake heute wieder wesentlich bekannter ist, ist ein schönes Beispiel dafür, was in dieser Hinsicht erreicht werden kann“, betont Susanne Gura. „Allerdings gilt hier sicherlich wie häufig auch sonst: ,Erfolg hat mehrere Väter‘.“

Gemüse des Jahres

Um das Interesse an der Vielfalt der Nutzpflanzensorten zu wecken, aber auch um den Austausch aller bereits aktiv an diesem Thema arbeitenden Menschen zu fördern, führt der VEN in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen Saatgutfestivals, Tauschbörsen und Saatgutseminare durch, zu denen auch Nichtmitglieder herzlich eingeladen sind. Mit großem Erfolg, wie beispielsweise die Ausstellung „Gartenschätze – Kurpfälzische Gemüseschau“, bei der unter anderem mehrere hundert seltene Gemüsesorten präsentiert wurden, zeigt: Über 1.000 Besucher kamen, um zu probieren, sich zu informieren und Saatgut zu tauschen oder zu kaufen. Zudem wählt der VEN seit 1999 regelmäßig ein „Gemüse des Jahres“. 2011/2012 war dies, passend zum 25-jährigen Jubiläum des Vereins, die Pastinake. Und aktuell ist es die Steckrübe. Ursprünglich als Viehfutter angebaut, wurde sie in den Hungerwintern 1916/1917 und 1946/1947 auch für die menschliche Ernährung genutzt. Deshalb haftete ihr lange Zeit ein negatives Image als Notnahrung an. Da sie sich aber unkompliziert und ohne Einsatz von Agrochemikalien anbauen und auch im Winter ernten lässt, ist sie ein klimaschonendes, modernes Nahrungsmittel – und das wird in den letzten Jahren auch zunehmend wieder erkannt. In den Anfangsjahren kamen auf den verschiedensten Wegen rasch viele seltene oder verloren geglaubte Sorten zusammen. Über Aufrufe in Zeitschriften kamen Menschen zum VEN, die in ihren Heimatregionen Sorten gesammelt hatten. Andere Menschen gaben von ihnen kultivierte Sorten oder auch ganze Sammlungen an den Verein weiter. Auch von Kulturpflanzenbanken bezogene Sorten wurden vermehrt, weiterentwickelt und verbreitet. Inzwischen sind schon viele Sorten zusammengekommen, und die Saatgutliste umfasst rund 1.800 Sorten. Viele Wege, auf denen weitere Sorten zu bekommen wären, sind mittlerweile ausgereizt, und sicherlich sind auch einige Sorten, die der VEN nicht sichern konnte, inzwischen endgültig verschwunden. „Dementsprechend ist der Zuwachs an uns bisher unbekannten Sorten heute nicht mehr so stark“, erläutert die VEN-Vorsitzende. „Aber es gibt immer mal wieder doch noch etwas Neues. So hat zum Beispiel kürzlich ein Grünkohlspezialist an der Waterkant noch eine Menge verschiedener Sorten gefunden. In der Gegend ist Grünkohl ja eine Spezialität, und viele Familien hatten früher eigene Sorten.“

Samen für den Kleingarten
Neben den Sammlern und Erhaltern, die langfristig bestimmte Sorten vermehren und weiterentwickeln, arbeiten auch Gartenfreunde mit dem VEN zusammen, die über eine begrenzte Zeit eine Sorte in Pflege nehmen. „Als Pate verpflichtet man sich, für mindestens fünf Jahre eine Sorte zu betreuen, sie anzubauen und zu vermehren“, erläutert Susanne Gura. „Man bekommt am Anfang beispielsweise 30 Korn und schickt nach fünf Jahren die doppelte Menge zurück. Die Beobachtungen dabei sollten auf speziellen Beobachtungsbögen festgehalten werden, wobei wir jedem Paten einen Betreuer zuweisen. Momentan überarbeiten wir allerdings das Konzept und vergeben deshalb keine neuen Patenschaften.“ Für alle, die Interesse an den traditionellen Kulturpflanzensorten haben, sie gerne in ihrem eigenen Garten anbauen möchten und damit dann ja auch zum Erhalt von deren Vielfalt beitragen, gibt es aber die Möglichkeit, über die VEN-Sortendatenbank online unter www.nutzpflanzenvielfalt.de/saatgutliste/start in kleineren Mengen Saatgut zu bestellen. Alternativ gibt es auch die Möglichkeit, mit den Erhaltern auf den diversen Veranstaltungen des VEN in Kontakt zu treten. „Die Nutzpflanzenvielfalt verdient es, in die Gärten zurückgeholt zu werden“, betont Susanne Gura. „Wir wollen die Leute zur Aussaat dieser Sorten anstiften – und ihnen zeigen, dass es mehr gibt als nur ein paar wenige Sorten aus dem Baumarkt, dass es hier neue Geschmackserlebnisse zu entdecken gibt!“