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Leben

Pflanzenzüchter – Teil 5: Rühlemann‘s Kräuter & Duftpflanzen, Horstedt – Von Raritäten, Exoten und Brennnesseln

Rühlemann‘s kultiviert exotische un heimische Kräuter
Basilikum ‚Wildes Purpur‘
Weiße Melisse
Daniel Rühlemann mit australischem Zitronenblatt
Australisches Zitronenblatt
Kräuter in großer Zahl
Die Gärtnerei
August 2017

Rühlemann‘s Kräuter & Duftpflanzen hat eine breite Palette von exotischen sowie auch bereits verschollen geglaubten Kräutern im Sortiment, die man anderswo nicht so leicht finden dürfte. Dies liegt sicherlich nicht zuletzt an der großen Begeisterung von Gärtnerei-Chef Daniel Rühlemann für immer neue Kräuterentdeckungen.

 

Ob chinesisches Teekraut, psychoaktives Rauchkraut aus Brasilien, afrikanische Heilpflanze, indisches Nervenheilkraut, Inka-Gemüse oder Würzkraut aus dem Orient, ob Petersilie oder Estragon, ob Vogelmiere oder Breitwegerich – die zwischen Bremen und Hamburg in Horstedt angesiedelte Gärtnerei Rühlemann’s Kräuter & Duftpflanzen hat eine ungeheure Vielfalt von mit geheimnisvollen Namen versehenen Kräutern und Duftpflanzen aus aller Welt, wiederentdeckten historischen Heil- und Gewürzpflanzen, aber auch von herkömmlichen Küchenkräutern bis hin zu heimischen, von vielen Gärtnern als Unkraut geschmähten Wildpflanzen im Angebot.

 

’Die Woiße‘, eine rätselhafte Unbekannte

Wer mit Daniel Rühlemann, Gründer und Inhaber der Gärtnerei, spricht, bekommt seine Leidenschaft für Kräuter, seine Neugier darauf, woher sie kommen und wie sie wirken, sofort zu spüren – eine Leidenschaft, die ihn bereits seit Langem umtreibt. „Schon während meiner Kindheit in Bremen und mehr noch während meines Musikstudiums in Graz habe ich mich für Gemüseanbau und Kräuter begeistert und in meinem kleinen Kräutergarten nicht nur die wichtigsten Küchenkräuter wie Schnittlauch, Salbei oder Thymian angebaut, sondern mehr und mehr auch Exoten ausprobiert“, erinnert er sich. „Eines Tages hat mir dann ein Freund zwei Stauden in Pflege gegeben – das seien tolle Teepflanzen, die in der Gegend von Generation zu Generation weitergegeben und dort allgemein ’Die Woiße‘ genannt würden. Der Tee, den ich mit den Blättern zubereitete, war total lecker – etwas wie Zitronenmelisse, aber wesentlich voller und mit einem leichten Rosenaroma als Beigeschmack. Und auch beim Trocknen behielten die Blätter ihr Aroma.“

Mehr als ein Jahr lang versuchte Daniel Rühlemann, mit­hilfe einer großen Zahl von Kräuterbüchern herauszufinden, um welche Pflanze es sich botanisch überhaupt handelte. Schließlich entdeckte er sie in einer alten Kräutergärtnerei unter dem Namen Zitronenkatzenminze oder wissenschaftlich richtig angesprochen Nepeta cataria ssp. citriodora. „Bei weiteren Nachforschungen stellte ich schließlich fest, dass diese Pflanze eine hier einheimische Art ist, die im Mittelalter als Bienenweide und Teepflanze genutzt wurde, irgendwann dann aber verschollen ist“, führt er weiter aus. „Ich fragte mich, warum die Zitronenkatzenminze mit all ihren tollen Eigenschaften derart in Vergessenheit geraten konnte, während die flacher schmeckende Zitronenmelisse, die wohl über die Klostergärten aus südlichen Regionen zu uns kam, allgemein bekannt ist. Damit war mein Suchfieber geweckt – nach anderen alten Pflanzen, die früher gerne genutzt wurden, heute aber verschollen sind. Außerdem wollte ich neue Kräuter ausfindig machen, die als Gewürze, Tee oder Heilkräuter interessant sind.“ Auf den verschiedensten Wegen, teils aus Kräutergärtnereien und botanischen Gärten, teils auch von Privatpersonen, kamen seitdem viele neue Sorten aus aller Welt bei ihm zusammen.

 

Beflügelndes Interesse an Exoten

Schließlich führte sein Weg Daniel Rühlemann wieder nach Bremen zurück. Dort versuchte er, als Musiklehrer beruflich Fuß zu fassen, legte sich aber natürlich auch wieder einen Riesenkräutergarten an. „Als ich feststellte, dass die Musik zum Überleben kaum genug abwirft, habe ich schließlich mein Hobby zum Beruf gemacht“, erläutert er. „Ich bin mit ein paar Töpfen mit Kräutern zum Markt gegangen und habe festgestellt, dass die Leute nicht nur an Petersilie und Schnittlauch, sondern gerade auch an sehr exotischen, unbekannten Pflanzen großes Interesse hatten. Das hat mir Spaß gemacht und so habe ich 1991 zunächst einmal Flächen für den Anbau gepachtet, später dann gekauft. Im nächsten Jahr konnte ich schon jemanden einstellen – und seitdem ist die Gärtnerei immer weiter gewachsen.“ Heute, fast 27 Jahre später, bedeckt sie ein Areal von 18.000 Quadratmetern, wovon ungefähr 6.000 Quadratmeter auf Gewächshäuser entfallen. Schnell kam zum Verkauf direkt vor Ort auch der Versand der Pflanzen hinzu, der mittlerweile mit ungefähr 60.000 Pflanzenpaketen pro Jahr den Großteil des Geschäfts ausmacht. Das Angebot umfasst circa 800 Pflanzensorten und 800 Sorten von Saatgut, wobei manche Sorten sowohl als Saatgut als auch als Pflanze geliefert werden können.

 

Freiräume für die Suche nach spannenden Pflanzen

Aktuell hat die Gärtnerei 20 feste Mitarbeiter. Während der Saison steigt der Personalbedarf dann noch ganz erheblich auf bis zu 90 Arbeitskräfte an. „Viele unserer Mitarbeiter sind natürlich ausgebildete Gärtner, darunter auch zwei Gärtnermeister, von denen einer sich als Betriebsleiter um das tägliche Geschäft kümmert“, führt Daniel Rühlemann aus. „Das verschafft mir Freiräume, um neben der täglichen Arbeit nach neuen spannenden Pflanzen zu suchen und zu recherchieren, mit denen wir unser Angebot erweitern können. Einige der Mitarbeiter sind aber ebenso wie ich auch Quereinsteiger. Mit ihrem unverstellten Blick machen sie die Dinge oft anders als allgemein üblich und ergänzen die fachliche Denke der Gärtner damit hervorragend.“

Dieser unverstellte Blick und die Lust darauf, Dinge auch einmal anders anzugehen als andere, sind sicherlich mit dafür verantwortlich, dass Rühlemann’s auch ansonsten nur selten gehandelte Pflanzen im Sortiment hat. „Wenn ich eine Rarität neu in unseren Katalog aufnehmen möchte, höre ich häufig ’Die kennt doch kein Mensch!‘“, erzählt der Gärtnerei-Chef. „Aber wenn ich eine Pflanze toll finde, dann kann ich das auch so rüber bringen.“ Das gilt beispielsweise für das erst vor Kurzem in den Katalog aufgenommene Australische Zitronenblatt (Plectranthus spec. ‘Mount Carbine’): „Diese robuste, wenn auch nicht winterharte, schnittverträgliche Pflanze hat ein fantastisches Aroma und ist kulinarisch eine Entdeckung“, schwärmt Daniel Rühlemann. „Ihre Ursprünge hat sie in tropischen Teilen von Australien, wird aber auch dort kaum in Kultur genommen. Bei uns ist sie weitgehend unbekannt und hat noch nicht einmal einen vollständigen botanischen Namen.“ Seine Begeisterung gilt aber nicht nur exotischen Raritäten, sondern ebenso heimischen Wildkräutern, wie dem erst kürzlich als Saatgut in das Sortiment aufgenommenen Zaunlattich (Lactuca serriola) oder der sowohl als Saatgut als auch als Pflanze erhältlichen Großen Brennnessel (Urtica dioica). „Als ich vor etwa 15 Jahren die Brennnessel erstmals anbieten wollte, sagte ein Mitarbeiter zu mir: ’Daniel, du spinnst – das kauft dir doch keiner ab!‘“, so Daniel Rühlemann. „Daraufhin habe ich mit ihm gewettet, dass ich im nächsten Jahr 50 Stück davon verkaufe. Und ich habe die Wette gewonnen, wenn auch nur knapp. Die Brennnessel ist zwar wild wachsend weitverbreitet, aber sie ist eben auch eine wichtige, starke Heilpflanze, so dass unser Angebot beispielsweise für Balkonbesitzer interessant sein kann.“

 

Eigenzüchtung ’Wildes Purpur‘

Anders als das Entdecken neuer Pflanzen für das Sortiment, ihre Vermehrung und gelegentlich auch die Auslese auf bestimmte Eigenschaften hin, gehört die Züchtung neuer Sorten nicht zu den Schwerpunkten der Gärtnerei. Eine Eigenzüchtung sollte man aber auf alle Fälle doch erwähnen: das Basilikum ’Wildes Purpur‘ (Ocimum canum x basilicum). „Bei dieser Sorte handelt es sich um eine Zufallskreuzung von Wildem Basilikum mit Neuguinea-Basilikum, die wir ganz intensiv auf Aroma, aber auch Wuchs und Robustheit hin selektiert haben“, erläutert Daniel Rühlemann. „Ergebnis ist eine sehr wüchsige, rotlaubige Sorte, die auch in Norddeutschland und dort auch in schlechten Sommern wachsen kann. Für meinen Geschmack hat sie ein außergewöhnlich gutes, pfefferiges Aroma. Außerdem sieht sie mit ihren schönen, tiefrosa Blüten bezaubernd aus.“

Beim Pflanzenschutz setzt Rühlemann’s ausschließlich biologische Mittel wie Nützlinge, natürliche Spritzmittel und Stärkungsmittel wie Kamille oder Zinnkraut ein. „Auch wenn viele das meinen, sind wir allerdings keine Biogärtnerei, weil wir neben organischen auch mineralische Dünger verwenden“, so Daniel Rühlemann. „Unserer langjährigen Erfahrung nach ist das für das Kultivieren der Pflanzen in Töpfen einfach nötig – bei reiner Freilandkultur könnten wir sicherlich darauf verzichten. Als Substrat verwenden wir dann aber, wieder ganz dem ökologischen Gedanken entsprechend, torffreie Mischungen, die wir über Jahre hinweg optimiert haben.“

 

Das Wissen wächst mit den Pflanzen

Über 90 Prozent der angebotenen Pflanzen werden in Horstedt aus Samen oder Stecklingen selbst herangezogen, bevor sie – übrigens ausschließlich an Privatkunden – verkauft werden. „Da wir anders als viele andere Gärtnereien die Pflanzen nicht nur verkaufen, sondern sie auch selbst vermehren und kultivieren, wissen wir, was sie brauchen, um gesund heranzuwachsen“, betont Daniel Rühlemann. „Diese Kompetenz ist uns wichtig, damit wir entsprechend das Wissen auch an unsere Kunden weitergeben können – wir wollen mehr sein als nur ein Händler.“

 

Am besten lässt sich das natürlich bei einem Besuch vor Ort erfahren, aber auch der mehr als 350 Seiten starke Katalog und der Online-Shop unter www.kraeuter-und-duftpflanzen.de bieten neben einer Vorstellung des ­Sortiments viele Informationen rund um das Thema ­Kräuter.