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Garten

Obstgehölze selbst veredeln – Teil 4 – Das Rinden- und Geißfußpfropfen

Das Rinden- und Geißfußpfropfen. (Bild: Thomas Neder)
Aus der Seite der Unterlage wird ein keilförmiger Ausschnitt herausgeschnitten.
Entsprechend wird das Edelreis vorbereitet. (Bild: Thomas Neder)
Das Edelreis wird in den Spalt eingeschoben. (Bild: Thomas Neder)
Edelreis und Unterlage werden mit Veredelungsband verbunden. (Bild: Thomas Neder
Etwa zwei Monate lang wird die Stelle fixiert. (Bild: Thomas Neder)
Dezember 2017

Nachdem in der letzten Ausgabe bereits zwei Formen des Pfropfens vorgestellt wurden, sei nun das Wenksche Rindenpfropfen und das Geißfußpfropfen vorgestellt.

Wenksches Rindenpfropfen
Das Wenksche Rindenpfropfen ist eine der effektivsten Methoden des Pfropfens hinter die Rinde. Es liefert große Kambiumflächen und sorgt bei guter Schnittführung und Sorgfalt für gute Anwachsergebnisse. Wie beim verbesserten Rindenpfropfen wird nur ein Rindenflügel gelöst und nach rechts aufgeklappt (gerader Blick auf den Ast). Ausgang ist auch hier der übliche Kopulationsgrundschnitt. Dieser Kopulationsschnitt liegt später am Holzteil des Astes an. Ein späterer zweiter Schnitt liegt am Rindenflügel an. Nach vollzogenem Grundschnitt liegt das belassene Auge etwa in der Mitte seitlich am Schnitt. Die Knospe weist dabei zunächst vom Körper weg. Nach dem ersten Kopulationsschnitt dreht man das Reis, so dass die Knospe nun auf den Körper zeigt. Nun erfolgt ein zweiter (etwas kürzerer) Kopulationsschnitt. Er beginnt ca. 0,5 Zentimeter unter dem ersten. Beide Schnitte laufen konisch aufeinander zu. Idealerweise überschneiden sie sich erst ca. 0,5 Zentimeter vor der unteren Keilspitze. Gemäß der Länge des ersten Kopulationsschnitts, wird – von oben auf den abgeworfenen Ast gesehen – der linke Rindenflügel leicht geöffnet. Das Reis wird nun so eingeführt, dass der längere Schnitt am Holzteil und der kürzere am aufgeklappten Rindenflügel anliegt und mit der Oberkante des Rindenflügels abschließt. Zum besseren Verwachsen kann am gelösten Rindenflügel das obere Eck leicht schräg abgeschnitten werden. Der Ansatz des Grundschnitts schaut wieder halbmondförmig über die Pfropfebene ­hinaus. Das belassene Auge (auch Reserveauge genannt) liegt geschützt in der Mitte des keilförmigen Spalts zwischen dem anliegenden und dem gelösten Rindenflügel. Idealerweise wird es beim Verbinden frei gelassen. Das Verbinden erfolgt wie beim verbesserten Rindenpfropfen beschrieben (Ausgabe 6/2017).
Sitzt das Reis fest hinter der Rinde, wird es verbunden. Sehr praktisch und einfach zu handhaben ist Veredelungsband. Es geht auch einfaches Thesakreppband. Verwendet man Bast, muss dieser nach dem Anwachsen rechtzeitig aufgeschnitten werden. Andernfalls stranguliert er den Veredelungskopf und wächst schnell ein. Beim Einsatz eines Veredelungsbandes reicht es, wenn es nach sechs bis acht Wochen aufgeschnitten und später dann vorsichtig entfernt wird. Vorteilhaft ist es, wenn nicht nur der Veredelungskopf und die Schnittstellen des Reises, sondern auch das gesamte Veredelungsreis hauchdünn mit Veredelungswachs (z. B. Maywax) verstrichen werden. Dies reduziert die Verdunstung auf ein Minimum und beugt dem Austrocknen des Reises vor. Die eingestrichenen Knospen können den Wachsmantel ohne Weiteres durchbrechen. Ist das Wachs nicht streichfähig genug, wird es kurz in ein Wasserbad oder auf die Heizung gestellt, bis es die richtige Konsistenz hat. Alte Kleidung ist von Vorteil, denn Flecken auf der Kleidung lassen sich nur schwer wieder entfernen. Ein Pinsel mit langem Stiel erleichtert das Einstreichen. Befinden sich mehrere Edelreiser auf einem Pfropfkopf und ist die Überwallung der Schnittfläche gut vorangeschritten, sollte man nur noch eines der Reiser übrig lassen. Am besten das auf der Oberseite, denn hier ist die Ausbruchgefahr am geringsten. Nicht benötige Reiser kann man über einen Zeitraum von ca. zwei bis drei Jahren sukzessive zurücknehmen und dann ganz entfernen. In den nächsten Jahren gilt es dann weiterhin, mit gezielten Kontrollschnitten eine stabile Balance zwischen neuen Sorten und den Resten des alten Baums herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten. Vögel setzen sich gerne auf exponierte Zweige am Baum. Nicht selten kommt es dann zum Bruch von jungen Leitästen oder neuen labilen Veredelungen. Ein Schutz aus Stäben, halbkreisförmig gebogenen Weidenruten oder Drahtbögen um die junge Veredelung herum kann Abhilfe schaffen. Man bringt ihn am besten gleich nach der Veredelung an.
Um das veredelte Reis zu fördern, werden alle Neutriebe, die sich etwa eine Handbreit unterhalb der Veredelung entwickelt haben, entfernt. Man stellt hierdurch das Edelreis frei.

Geißfußpfropfen
Die Methode des Geißfußpfropfens ist eine der besten zur Verbindung zweier ungleicher Partner. Sie wird angewandt, wenn die Unterlage deutlich dicker als das Edelreis ist und z. B. eine Kopulation nicht mehr durchgeführt werden kann. Das Geißfußpfropfen stellt aber relativ hohe Ansprüche an den Veredler. Es erfordert Geschicklichkeit im Umgang mit dem Veredelungsmesser. Auch hier gibt es verschiedene Varianten. Neben der klassischen sind z. B. das vereinfachte Geißfußpfropfen und das seitliche Spaltpfropfen bekannt. Im Folgenden wird die klassische Variante besprochen. Im Gegensatz zum Pfropfen hinter die Rinde ist Geißfußpfropfen nicht abhängig vom Lösen der Rinde. Man kann das Geißfußpfropfen zum Umveredeln daher schon im Spätwinter anwenden, wenn die starken Fröste abgeklungen sind. In Obstbaumschulen wird dieses Verfahren zur winterlichen Handveredelung verwendet. Veredelungsreis und die erdlose Unterlage befinden sich dann beide noch in der absoluten Winterruhe. Geißfußpfropfen ist sowohl in Bodennähe zum Erziehen eines neuen Baums als auch im Kronenbereich zum Umveredeln einer nicht befriedigenden Sorte geeignet. Im Gegensatz zur Kopulation sind beim klassischen Geißfußpfropfen zwei lang gezogene, gleich lange Schnitte am Edelreis notwendig. Der erste lang gezogene Schnitt beginnt, wie von der Kopulation bekannt. Für den zweiten Schnitt wird das Edelreis etwas gedreht, so dass die beiden Schnitte keilförmig oder geißfußförmig im Winkel von etwa 45 bis 80 Grad aufeinander zulaufen. Eine Knospe des Edelreises liegt idealerweise wiederum in halber Höhe der Schnittflächen auf der Rückseite des Keils. In gleicher Weise schneidet man an der Seite der Unterlage oder des abgeworfenen Astes einen keilförmigen Ausschnitt heraus. Hierzu verwendet man, je nach eigenen Präferenzen, entweder eine stabile Kopulierhippe oder ein normales Kopuliermesser. Bevor man den ersten Schnitt ansetzt, orientiert man sich nochmals am Schnitt und Winkel des Edelreises. Nachdem an der Unterlage ein keilförmiger Ausschnitt vorbereitet wurde, kann man das Edelreis in den Spalt einschieben. Das Kambium beider Partner soll möglichst genau aufeinanderliegen. Das Edelreis wird nur so weit in den Spalt eingeschoben, dass die Ansatzstellen des Schnitts bogenförmig über der Pfropfkopfebene sichtbar sind. Im Kronenbereich kann man die Reiser mit vier bis sechs Augen etwas länger lassen. Für bodennahe Veredelungen reichen etwa drei Augen. Das Verbinden erfolgt wie beim Rindenpfropfen beschrieben (Ausgabe 6/2017).