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Garten

Obstgehölze selbst veredeln: Teil 1 – Grundlagen der Veredelung

Kleingarten Magazin
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Juni 2017

Die meisten Obstgehölze in unseren Kleingärten sind veredelt. Die neue Serie „Obstgehölze selbst veredeln“ behandelt zunächst die Grundlagen der Veredelung und stellt im Anschluss verschiedene Veredelungsmethoden vor. Mit etwas Übung, Ausdauer, gutem Werkzeug und vitalen Reisern können auch Sie gute Erfolge erzielen.
 

Warum veredeln?
Entfernt man die Kerne eines Apfels und sät diese aus, so erhält man nach vielen Jahren einen Baum, der dem „Mutterbaum“ in Größe und Fruchteigenschaften mehr oder weniger ähnelt. Die Gemeinsamkeiten können sehr groß bis weniger ausgeprägt sein. Die Gene beider Elternteile kombinieren sich bei der Aussaat, einer generativen Vermehrungsmethode, vielfach neu. Wer aber z. B. exakt die alte gut schmeckende Sorte erhalten möchte, die vielleicht schon sein Urgroßvater in den Garten gepflanzt hat, und diese nicht mehr über den Fachhandel beziehen kann, sollte mittels Veredelung (einer xenovegetativen Vermehrungsart) vermehren.

Methoden der Veredelung
Veredelungsmethoden, die leicht gelingen, gibt es viele. Mit etwas Übung, Ausdauer, gutem Werkzeug und vitalen Reisern hat man guten Erfolg. Ein weiterer wichtiger Grund, der für eine Veredelung spricht, ist die Erziehung schwachwüchsiger Bäume. Sie erlangen besonders in Kleingärten mit begrenztem Platzangebot eine immer größere Bedeutung. Dies wird durch die Verwendung schwachwachsender Unterlagen erreicht. Sie wirken als Wachstumsbremse. Der spätere Habitus lässt sich gut vorhersagen.
 

- Reiserveredelung: Zu den gängigsten Varianten gehört
z. B. das Kopulieren, Pfropfen oder Anschäften. Wer geübt ist, kann sich auch an der relativ anspruchsvollen Variante des Geißfußpfropfens versuchen. Bei all den erwähnten Veredelungsformen wird ein ganzes Stück des Reises auf die Unterlage übertragen.

- Augenveredelung: Beim Okulieren und Chip-Budding geht es nur um ein Auge bzw. um einen Chip, der übertragen wird.

- Einen neuen jungen Obstbaum erziehen: Mithilfe des Okulierens und des Chip-Buddings wird ein komplett neuer junger Obstbaum erzogen. Dies ist grundsätzlich auch mit dem Kopulieren, Anschäften und Geißfußpfropfen möglich.

- Einen bestehenden Baum umveredeln: Im Obstgarten kommt, bedingt durch die lange Standzeit der Obstgehölze, der Wahl guter und robuster Sorten eine besondere Bedeutung zu.

Trotz sorgfältiger Auswahl sind negative Überraschungen manchmal nicht ausgeschlossen. Sorten werden manchmal falsch geliefert oder die Sorte entwickelt sich am Standort nicht so wie gewünscht.
Vor allem die unterschiedlichen Varianten des Pfropfens hinter die Rinde eignen sich exzellent dazu, einen erwachsenen vitalen Obstbaum, der in seinen Sorteneigenschaften nicht befriedigt, umzuveredeln. Einen Versuch ist es wert, bevor der ganze Baum weichen muss. Ist nur ein kleiner Garten vorhanden, kann man durch Pfropfen hinter die Rinde z. B. ein Trio aus Sommer-, Herbst- und Winterapfel auf einem Baum vereinen. Denkbar ist auch ein Quartett oder ein Mehrsortenbaum. Optimal ist es, wenn die aufveredelten Sorten in etwa gleich stark wachsen. Ist dies nicht der Fall, muss man die unterschiedlichen Partner durch einen gezielten Schnitt im Gleichgewicht halte
 

Unterlage und Edelreis
Zur Erziehung eines neuen Baums benötigt man eine Unterlage – landläufig auch Wildling genannt – und ein Edelreis bzw. ein Auge oder einen Chip (ein Auge mit Holzschildchen) der gewünschten Sorte. Die Unterlage steuert den Wuchs, die Fruchtgröße und -qualität, Ertragsbeginn und -menge, die Lebensdauer und die Größe des Baums. Das Edelreis oder Auge liefert vor allem die Sorteneigenschaften. Bei einer gelungenen Veredelung verwachsen beide Pflanzenteile zu einem Baum, gerade so, als wären sie schon immer zusammen gewesen. Je nach Verträglichkeit zwischen Edelreis und Unterlage hält diese „Zwangsehe“ mehr oder weniger lang. Öfter kommt es zu gewissen Unverträglichkeitsreaktionen an der Veredelungsstelle, wodurch die mechanische Stabilität beeinträchtigt werden kann. Bei einigen Birnensorten ist auch eine Zwischenveredelung (z. B. Sorte ‚Gellerts Butterbirne‘) notwendig, da sich nicht alle Sorten mit Quittenunterlagen gleich gut vertragen. Um eine gute Basis für den Veredelungserfolg zu legen, sollte:

- zwischen den Veredelungspartnern eine ausreichende Affinität bestehen,

- die Veredelung so genau wie möglich ausgeführt werden.
 

Einige Unterlagenbaumschulen liefern für den Freizeitgartenbereich Unterlagen auch in kleineren Stückzahlen. Nachfolgend eine kleine Auswahl gängiger Unterlagen beim Apfel:

- Schwachwachsend (in der Wuchsstärke aufsteigend): M27, M9, B9, M26
- Mittelstarkwachsend: MM106, M7
- Starkwachsend: 2, Sämling (Bittenfelder, Grahams Jubiläums)
 

Man kann natürlich auch an Ort und Stelle auf einen jungen Wildling, der im Garten aufgegangen ist, veredeln. Hier ist es allerdings recht ungewiss, mit welcher Größe man später rechnen muss. Bei dickeren Unterlagen wählt man besser die Variante des Anschäftens, bei noch dickeren die Variante des Pfropfens hinter die Rinde oder z. B. die Methode der Geißfußveredelung. Einen Apfel kann man nur auf einen Apfelwildling veredeln. Mit dem Wildling einer Zwetschge kann man etwas mehr experimentieren. Die Zwetschge eignet sich z. B. als neuer Partner auch für den Pfirsich, die Mirabelle oder die Aprikose. Wer Unterlagen bestellt, kann sie entweder auf einem Beet aufschulen oder eintopfen. Mit Unterlagen im Topf gehen die Schnitte anfangs vielleicht etwas leichter von der Hand. Werden die Unterlagen im Frühjahr bestellt, lässt man sie am besten zunächst einwachsen und veredelt dann im Juli/August oder erst im nächsten Frühjahr.
 

Veredelungshöhe

Generell kann man sagen, dass der Einfluss der Unterlage mit der Höhe der Veredelung zunimmt. In der Praxis wird in der Regel zwischen zehn und 20 Zentimetern Höhe veredelt. Die Veredelungsstelle sollte stets über der Erde liegen (auch wenn gemulcht wird), damit sich die Edelsorte nicht frei macht, sprich eigene Wurzeln bildet und der Einfluss der Unterlage nicht ausgeschaltet wird.