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Garten

Obstgehölze selbst veredeln, Teil 2 – Veredelung mit Edelreiser

Kopfveredelung
Bei Kern- und bei Steinobst koluiert man 15 bis 30 cm über dem Boden.
Der Schnitt sollte absolut plan ausgeführt werden.
Der Schnitt sollte absolut plan ausgeführt werden.
Für einen besonders stabilen Sitz sorgt das Kopulieren mit Gegenzunge.
Zum Verbinden eignet sich Veredelungsband.
August 2017

In der letzten Ausgabe wurden bereits einige Grundlagen der Veredelung beschrieben. Neben der Unterlage spielen die Edelreiser eine große Rolle.

 

Winterreiser

Zum Veredeln im Frühjahr braucht man gelagerte Reiser, die noch nicht angetrieben haben. Sie werden je nach Witterung von Dezember bis etwa Mitte Februar zum Zeitpunkt der absoluten Saftruhe geschnitten. Gut sind einjährige kräftige Triebe mit kurzem Knospenabstand aus den oberen, gut belichteten Kronenpartien. Verwendet werden sollten wirklich nur gesund erscheinende Reiser. Treten Astschorf oder Obstbaumkrebs etc. am Baum auf, ist Vorsicht geboten. Möchte man Reiser von einem vergreisten Baum mit nur wenig Zuwachs schneiden, sollte er bereits ein Jahr vor der Entnahme der Reiser stärker abgeworfen und damit zum Neuaustrieb angeregt werden. Nach dem Schnitt werden die Reiser gebündelt, wetterfest etikettiert und eingelagert. Die Schnittflächen kann man nach dem Schnitt mit Baumwachs verstreichen. Gut für die Einlagerung eignen sich z. B. feucht-kalte, dunkle Felsenkeller. Lagerräume sollten ausreichend belüftet sein. Kurzzeitig kann man auch an schattiger Stelle in sandiger Erde einschlagen. Ist die Erde oder der Sand zu feucht, treiben die Reiser leicht aus. Alternativ lassen sich die Reiser luftdicht in eine Folie mit erdfeuchtem Moos wickeln und im kalten Kühlschrank (bei null bis zwei Grad) lagern. Besonders Kirsch- und Zwetschgenreiser wollen es sehr kühl. Ist der Einschlag zu warm, treiben sie schnell an und sind dann unbrauchbar. Eine Reihe von Verbänden oder Instituten bietet einen Reiserservice an. Hierdurch kann man qualitativ gute Reiser beziehen, wenn die Lagermöglichkeiten oder das Sortenmaterial fehlen.

 

Sommerreiser

Alternativ kann man im Sommer (Juli/August) frische Reiser vom Baum schneiden und mithilfe geeigneter Veredelungsvarianten direkt veredeln. Eine aufwendige Lagerung entfällt hierdurch.

So unterschiedlich die Methoden des Veredelns, so universell ist der Grundgedanke. Ziel ist es, eine möglichst große Kontaktfläche des Kambiums von Unterlage und Edelreis herzustellen. Beim sogenannten Kambium handelt es sich um eine besonders teilungs- und verwachsungsfähige Gewebeart. Sie liegt in einer dünnen Schicht zwischen Bast- und Holzteil.

 

Kopulation

Der Kopulationsschnitt ist Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Veredelungsvarianten. Er ist daher besonders hilfreich. Die Kopulation selbst ermöglicht es, unabhängig vom Lösen der Rinde, z. B. auch im Spätwinter, zu veredeln. Beim Kopulieren müssen Edelreis und Unterlage gleich stark sein. Ein langer, glattgezogener Schnitt an Edelreis und Unterlage sorgt dafür, dass an beiden Partnern eine möglichst große Fläche des durch den Schnitt freigelegten Kambiums zur Deckung gebracht wird. Bevor man sich an die kostbaren Edelreiser wagt, empfiehlt es sich, vorab etwas an weichen Weidenreisern zu üben, bis der Schnitt gut von der Hand geht. In der Regel kopuliert man bei Stein- und Kernobst etwa 15 bis 30 Zentimeter über dem Boden, um einen neuen Baum zu ziehen. Die Höhe definiert sich durch die Stärke der beiden Partner mehr oder weniger von selbst. Rechtshänder umfassen das Reis mit der linken Hand. Die Basis des Reises ragt dabei nach vorne, die Spitze nach hinten. Das Messer (eine leichte Hippe oder ein glattes Kopulationsmesser) wird fast parallel zum Veredelungsreis angesetzt. Man beginnt idealerweise so, dass auf der Seite, die dem Kopulationsschnitt gegenüberliegt, eine Knospe in der Mitte sitzt. Das Auge fördert das Zusammenwachsen der beiden Partner, da im Bereich der Knospen wichtige Reservestoffe eingelagert sind. Der Schnitt sollte absolut plan ausgeführt werden.

Der gleiche Schnitt erfolgt an Edelreis und Unterlage. Er ist etwa zwei bis fünf Zentimeter lang. Beide Partner sollten sich deckungsgleich aufeinanderlegen lassen. Zumindest an einer Seite müssen sich die beiden Kambiumschichten genau passend zur Deckung bringen lassen. Zu viele Kompromisse sollte man aber nicht eingehen. Im Zweifelsfall setzt man lieber einen neuen Schnitt an. Das angeschnittene Reis kürzt man anschließend mit der Schere ein. Es sollte ca. drei bis fünf Augen aufweisen. Ideal zum Verbinden ist Medifilm Veredelungsband. Unter leichtem Zug durchgeführt, vulkanisiert die hauchdünne Folie zu einer homogenen wasserundurchlässigen, stabilen Einheit. Das Verstreichen mit Veredelungswachs entfällt. Man beginnt am besten etwas unterhalb der Schnittfläche und zieht die Folie spiralförmig nach oben bis knapp oberhalb des oberen Schnitts. Alternativ kann man auch mit einem Veredlungsgummistreifen, der in engen Bahnen dachziegelartig geführt wird, verbinden. Die erste Wicklung kreuzt sich und wird meist von oben nach unten durchgeführt. Es zerfällt durch die einwirkende Sonnenstrahlung im Freiland von selbst. Es geht natürlich auch Natur- oder Kunstbast. Beim Einsatz von Folie oder Gummiband kann man das nicht verbundene obere Teil des Reises hauchdünn mit Veredelungswachs verstreichen. Die Verdunstung wird hierdurch effektiv unterbunden. Die treibenden Augen durchbrechen den dünnen Auftrag ohne große Probleme. Verwendet man Bast, sollte man auch den Bereich der Schnittfläche gut verstreichen. Da Bast schnell einschnürt, muss der Verband nach dem Anwachsen vorsichtig mit einer Rasierklinge durchtrennt werden.

 

Kopulation mit Gegenzunge

Die Variante des Kopulierens mit Gegenzunge sorgt für einen besonders stabilen Sitz des veredelten Reises. Ein nachteiliges Verrutschen beim Verbinden kann hierdurch vermieden werden. Auch die kambiale Kontaktfläche der beiden Partner wird durch den zusätzlichen Schnitt signifikant erhöht. Der Grundschnitt ist an beiden Veredelungspartnern gleich. Der Gegenzungenschnitt beginnt beim Edelreis im unteren Drittel des bereits durchgeführten Grundschnitts – etwa parallel zur Reisachse. Je nach Reis ist er etwa ein bis zwei Zentimeter lang. Auf gleiche Art und Weise wird mit der Unterlage verfahren. Der Schnitt beginnt allerdings im oberen Drittel. Passen die Schnitte, lassen sich Edelreis und Unterlage vorsichtig ineinanderschieben und problemlos verbinden. Die weitere Behandlung erfolgt wie vorher beschrieben.