Zurück zur Übersicht

Garten

Obstgehölze selbst veredeln, Teil 3 – „Pfropfen“ hinter die Rinde

Die Veredelungsstelle wird mit Bast fest verbunden (Bild: Thomas Neder).
Vor dem Veredeln wird ein Teil der Krone zurückgesetzt (Bild: Thomas Neder).
Der Grundschnitt am Edelreis (Bild: Thomas Neder).
Die Rinde wird durch einen Längsschnitt geöffnet (Bild: Thomas Neder).
Das Edelreis wird eingeschoben (Bild: Thomas Neder).
Die offenen Schnittstellen werden mit Wachs verstrichen (Bild: Thomas Neder).
Oktober 2017

In der letzten Ausgabe wurde als Veredelungsmethode die Kopulation vorgestellt. In dieser und in der nächsten Ausgabe wird das Pfropfen behandelt.

 

Vorteile des Pfropfens

Pfropfen hinter die Rinde lässt sich leicht erlernen. Voraussetzung für dieses Verfahren ist ein gutes Lösen der Rinde, das je nach Witterung von Ende April bis Ende Mai möglich ist. Der Zeitpunkt der Blüte ist für die Frühjahrsveredlung nur ein grober Anhaltspunkt. Ist die Zeit ideal, kann man beim Ansetzen des Messers am Pfropfkopf ein deutliches „Knacken“ vernehmen – ein sicheres Zeichen für ein erfolgreiches Lösen der Rinde. Löst sich die Rinde schlecht oder nur unvollständig, empfiehlt es sich, lieber noch etwas mit dem Veredeln zu warten. Besonders Zwetschgen und Pflaumen lassen sich hier erfahrungsgemäß immer etwas mehr Zeit als Äpfel.

 

Zeitpunkt

Klassisch pfropft man etwa zum Zeitpunkt der Blüte hinter die Rinde. Es gibt aber auch eine Sommervariante. Sie ist je nach Witterung von Ende Juli bis Anfang September möglich. Entscheidend ist ein gutes Lösen der Rinde. Eine späte Sommerveredlung hat zudem den Vorteil, dass die Reiser gut ausgereift sind. Sommerveredlungen sind weniger blattlausgefährdet, da sie im Frühjahr zeitgleich mit dem Baum austreiben. Bei Frühjahrsveredlungen „hinkt“ der Austrieb der Veredlungen immer etwas hinterher. Das Verfahren des Veredelns bleibt im Prinzip gleich. Die Reiser werden in Form einjähriger kräftiger und gesunder Ruten aus gut belichteten Partien des Baumes geschnitten, entblättert und zügig aufveredelt. Diese Methode erspart das oft schwierige Lagern der Reiser.

 

Varianten

Pfropfen hinter die Rinde ist in mehreren Varianten möglich. Bekannt sind neben dem einfachen Rindenpfropfen z. B. das verbesserte Rindenpfropfen und das Wencksche Rindenpfropfen. (Die Bezeichnungen variieren in der Praxis öfters). Ziel ist es, wie bei jeder Veredlung, den kambialen Kontakt von Edelreis und Unterlage zu gewährleisten, um hierdurch die Basis für ein gutes Zusammenwachsen zu schaffen. Bevor man den ersten Veredlungsschnitt ansetzt, geht es darum, geeignete Schnittstellen am Baum zu schaffen, die zum Einsetzen der Reiser geeignet sind.

 

Abwerfen

Soll der ganze Baum umveredelt werden, muss ein Teil der Krone des Baumes abgeworfen (zurückgesetzt) werden. Wird nur ein Teil des Baumes veredelt, wird man das „Abwerfen“ nur auf einige Astpartien beschränken. Wirft man den Baum ab, erfolgt dies am besten in pyramidaler Form. Ein gewisses Maß an sogenannten „Zugästen“ muss allerdings unbedingt erhalten bleiben, um den Baum im Gleichgewicht zu halten. Das Abwerfen macht nur bei völlig gesunden Bäumen im jungen bis mittleren Alter und mit harmonischem Kronenaufbau Sinn. Zweckmäßig ist ein Abwerfen erst kurz vor dem Veredeln. Der Abwurfwinkel von der Stammachse zu dem jeweiligen Hauptast sollte etwa 60 Grad betragen. Trotz aller Begeisterung für das Veredeln sollte man nicht vergessen, dass jeder Schnitt eine Wunde verursacht, die der Baum wieder verheilen muss. Schnitte in den Starkastbereich sollten auch beim Veredeln vermieden werden. Eine „milde“ Variante des Abwerfens hat daher ihre Vorteile. Hier entstehen durch das bildlich gesehene hohe Ansetzen der Schnittpyramide am Leitast zwar zahlreiche Schnittstellen mit einem mehr an Veredlungsarbeit, die Schnittstellen sind aber kleiner und vom Baum leichter zu verheilen. Zudem bleiben weit mehr Zugäste erhalten, und das Versorgungsgleichgewicht zwischen Krone und Wurzel wird nicht zerstört.

 

Schnitt am Ast

Ist das Abwerfen beendet, wird anschließend die Rinde auf der Oberseite des Astes durch einen Längsschnitt geöffnet. Ein Messer mit gerader Klinge eignet sich hierbei besser als gebogene Formen, wie z. B. Hippen. Dickere Äste erhalten je nach Durchmesser bis zu drei weitere Schnitte, die gleichmäßig über die Schnittfläche verteilt werden. Veredlungsstellen bis ca. drei Zentimeter erhalten ein Reis, bei vier bis fünf Zentimeter zwei Reiser, bei fünf bis acht Zentimeter ca. drei Reiser. Mehrere eingesetzte Reiser vermindern nicht nur das Risiko eines Misserfolges, sondern sorgen auch für ein zügiges Verheilen der entstandenen Schnittwunden. Am Ende wird am besten nur das oben sitzende Reis belassen. Der Rest wird entfernt. Es gibt eine ganze Reihe von Varianten, auf welche Art und Weise das Reis hinter die Rinde gepfropft werden kann.

 

Einfaches Rindenpfropfen

- Schnitt am Edelreis: Der Grundschnitt am Edelreis ist identisch mit der Grundtechnik beim Kopulieren. Wer den Kopulationsschnitt gut beherrscht, wird auch mit dem Kopulieren hinter die Rinde wenig Mühe haben. Ein glatter langgezogener Schnitt sorgt für eine möglichst große Kontaktfläche zwischen Edelreis und Unterlage.

- Schnitt am Ast: Nach dem Kopulationsschnitt am Edelreis erfolgt ein in der Länge entsprechender Längsschnitt am abgeworfenen Ast. Wird nur ein Reis eingesetzt, sollte es aus statischen Gründen am besten auf der Oberseite sitzen. Bei stärkeren Ästen verfährt man, wie oben beschrieben. Nach dem Längsschnitt wird mithilfe des Messers versucht, die Rindenflügel links und rechts leicht anzuheben, um das Edelreis einzuschieben. Steht der Baum im Saft, geht dies sehr leicht. Hierbei ist es wichtig, nicht mehr an Rinde zu lösen, als für die Aufnahme des Reises notwendig ist. Beim Einschieben des Reises sollte ein deutlicher Widerstand spürbar sein. Das Edelreis wird in Folge nur so weit eingeschoben, dass der halbmondförmige Schnittanfang noch etwas über die Ebene des Pfropfkopfes ragt. Je Reis belässt man etwa vier bis sechs Augen. Das oberste Auge sollte vom Zentrum des Baumes wegzeigen.

 

Verbessertes Rindenpfropfen

Beim verbesserten Rindenpfropfen wird die Rinde nur auf einer Seite des Schnittes gelöst, indem der Rindenflügel mit dem Veredlungsmesser angehoben wird. Die andere Seite bleibt intakt.

- Schnitt am Edelreis: Etwas mehr Praxis verlangt der Schnitt am Edelreis. Grundschnitt ist wieder der beschriebene Kopulationsschnitt. Für das verbesserte Rindenpfropfen ist jedoch noch ein zweiter Schnitt notwendig. Hierzu dreht man das Reis um 90 Grad und zieht im rechten Winkel zum ersten Schnitt einen zweiten am Rand des Reises. Dieser zweite Schnitt verläuft ganz flach und schält nur einen schmalen Span ab. Dank der zwei Schnitte lässt sich das Edelreis passgenau einschieben. Durch den zweiten Schnitt liegt es an der Rinde bzw. am Kambium des nicht aufgeklappten Rindenflügels an. Um den Kontakt für den zweiten Schnitt zu optimieren, wählt man in Abhängigkeit der Rindendicke des Astes dünnere oder dickere Reiser. Das Reis wird auch hier etwa so tief unter den gelösten Rindenflügel geschoben, dass der sichelförmige Schnittanfang noch ein Stück über den Pfropfkopf hinausragt. Beim Verbinden muss darauf geachtet werden, dass der gelöste Rindenflügel auf das Reis und nicht vom Reis weg gedrückt wird. Hebt man den Rindenflügel z. B. nach rechts an, verbindet man auch im Uhrzeigersinn.