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Leben

Historische Größen und ihr Bezug zu Pflanzen – Dachwurz schützt den Hofstaat

Kleingarten Magazin
Dachwurz wollte Karl der Große auf jedem Dach sehen.
Ob er dem Bärlauch …
… oder der Winterheckzwiebel den Vorzug gab, lässt sich nicht klären.
Die Mariendistel empfahl Hildegard von Bingen gegen Vergiftungen und Gelbsucht.
Die Ringelblume setzte sie äußerlich als Salbe gegen Ekzeme ein.
Februar 2019

Zwei Größen des Mittelalters, zwei Ansichten: Karl der Große wollte mit einer Auflistung anzubauender Pflanzen die Versorgung seines Hofstaats sicherstellen. Hildegard von Bingen hingegen stellte die Heilwirkung von Pflanzen in den Mittelpunkt, wobei Heilung nur bei Hinwendung zum Glauben gelingen könne.

„Auf dem Dach eines Hauses habe jeder Gärtner die Dachwurz“ – dies war eine der vielen Vorschriften, die Karl der Große (747 oder 748 bis 814) den Verwaltern seiner Landgüter zum Anbau von Pflanzen machte. Der Heil- und Zauberpflanze Dachwurz wurden nämlich, pflanzte man sie auf dem Dach, unter anderem blitzabweisende Kräfte zugesprochen. Und diese Kräfte wollte Karl der Große für die Sicherheit seines Hofstaats und seiner Güter nutzen. Als Persönlichkeit des Mittelalters hatte er mit seinem Wirken großen Einfluss auf die spätere Gartenkultur in den Klostergärten, aus seinen Verordnungen wissen wir viel über die in der damaligen Zeit genutzten Pflanzen. Karl der Große war ab 768 König des Fränkischen Reichs sowie ab 800 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Ebenso wie die anderen deutschen Herrscher des Mittelalters war er ein sogenannter Reisekönig, der sein Reich nicht von einer einzigen Hauptstadt aus regierte. Stattdessen reiste er mitsamt Familie und Hofstaat von einem Krongut, einer Pfalz zur anderen und regelte dann von dort aus die Regierungsgeschäfte. Das war unter anderem auch für die Versorgung des umfangreichen Hofstaats mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern von Vorteil – war es doch aufgrund der damaligen schlechten Verkehrswege nicht einfach, für größere Menschenmengen Lebensmittel aus der Ferne heranzuschaffen. Vermeiden ließ sich das, indem man stattdessen die Menschen zu den Lebensmitteln reisen ließ. Damit diese Strategie tatsächlich aufging, musste dann aber vor Ort auch wirklich alles Notwendige oder Wünschenswerte vorhanden sein – und da war es in der Vergangenheit zu ärgerlichen Engpässen gekommen.

Bis ins kleinste Detail geregelt
Um hier durch straffe Organisation Abhilfe zu schaffen, erließ Karl der Große um die Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert herum seine Landgüterverordnung, das 70 Kapitel umfassende Capitulare de villis vel curtis imperii. In dieser Verordnung sind Felderbewirtschaftung, Vorratswirtschaft, Obst- und Weinbau sowie Viehzucht teilweise bis in kleinste Details geregelt, um so auf den Krongütern die Erträge zu steigern und zu sichern. Auch Fragen der Organisation und der Buchhaltung werden abgehandelt. In mehreren Kapiteln geht es um für die Landwirtschaft wichtige Pflanzen und deren Nutzung. Dabei wird der Weinbau ebenso abgehandelt wie aus Gerste gewonnenes Malz und die Faserpflanze Hanf. Für Gärtner, Agrarhistoriker und wohl allgemein Pflanzenfreunde besonders interessant aber ist das letzte Kapitel des Capitulare de villis. Denn in diesem Kapitel werden 89 Pflanzen genannt, die die Verwalter auf den von ihnen betreuten kaiserlichen Gütern anpflanzen lassen sollten. Bei den ersten 73 Arten handelt es sich um Nutzpflanzen verschiedener Art: Heilkräuter, Küchenkräuter, Wurzel- und Blattgemüse sowie duftende, färbende oder kosmetisch genutzte Pflanzen. Dazu kommen noch 16 Obst- und Nussbäume. Allerdings entsprechen die im Capitulare de villis verwendeten meist lateinischen Bezeichnungen nicht den heutigen botanischen Namen der Pflanzen. Das können sie auch gar nicht, da erst Carl von Linné mit seiner binären Nomenklatur im 18. Jahrhundert die Grundlagen für die eindeutige wissenschaftliche Benennung der Pflanzen mit Gattungs- und Artnamen geschaffen hat. Deswegen lassen sich viele der im Capitulare de villis genannten Pflanzen nicht ohne Weiteres heute gebräuchlichen Pflanzennamen zuordnen. So wird beispielsweise „uniones“ als Winterheckzwiebel (Allium fistulosum), aber auch als Bärlauch (Allium ursinum) interpretiert.

Heute noch aktuell
Auch wenn sich einige Pflanzen des Capitulare also nicht eindeutig identifizieren lassen, dürfte doch ein Großteil der dort genannten Pflanzen auch heute noch zu den bei uns angebauten Nutzpflanzen gehören – obwohl nach der Entdeckung Amerikas später ja viele neue Nutzpflanzen wie Mais, Kartoffeln, Tomaten oder Paprika den Weg nach Europa gefunden haben und teilweise früher gebräuchliche Pflanzen im Anbau verdrängt haben. Einige der Pflanzen des Capitulare de villis, wie Esskastanien, Feigen und Mandelbäume, gedeihen besonders gut in maritim-gemäßigtem oder mediterranem Klima und ließen sich deshalb sicherlich damals nicht auf allen Krongütern gleichermaßen gut anbauen. Wahrscheinlich sollte das Capitulare auch nicht an jedem Ort zu 100 Prozent, sondern nur soweit wie jeweils sinnvollerweise möglich umgesetzt werden.

Ganzheitliche Betrachtungsweise
Die als Heilige und Kirchenlehrerin verehrte Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) gehört als Universalgelehrte sicherlich zu den bedeutendsten Frauengestalten des Mittelalters. Die Benediktinerin war Äbtissin, Dichterin, Komponistin und Naturwissenschaftlerin. Sie beschäftigte sich in ihren Werken mit Religion, Musik, Ethik und Kosmologie ebenso wie mit Natur- und Heilkunde. Ihr gesamtes Denken war von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise geprägt. Für den medizinischen Bereich heißt dies, dass die drei Aspekte Seele, Leib und Sinne für die Gesunderhaltung eines Menschen gleichermaßen beachtet werden müssen. Seine Heilung könne nur vor dem Hintergrund der Hinwendung zum Glauben gelingen. Wesentlich sei auch die persönliche Zuwendung des Heilers zum kranken Menschen. „Wie könnt ihr Heilmittel verordnen, ohne eure Tugend dazuzutun?“, mit diesen Worten erteilt Hildegard von Bingen all denjenigen eine Absage, die sich nur auf die Zubereitung von Salben und anderen Heilmitteln ohne spirituellen Hintergrund beschränken.
Zusammenführung des gesamten WissensIn einem ihrer großen Werke, das später unter dem Titel „Physica“ veröffentlicht wurde und wohl eher für den Volksgebrauch gedacht war, beschreibt sie die Eigenschaften und Wirkungen von Kräutern, Bäumen, Edelsteinen, Tieren und Metallen. Insgesamt 230 Kräuter und Getreide sowie rund70 Bäume stellt sie mit ihren heilenden Eigenschaften dar. Thema eines weiteren Werks, der „Causae et curae“, sind verschiedene Heil- und Behandlungsmethoden sowie die Diagnostik von Krankheiten – aufbauend auf der christlichen Schöpfungslehre und einer allgemeinen Darstellung der menschlichen Natur. In diesen Werken führt Hildegard von Bingen das aus der Antike überlieferte Wissen über Krankheiten und Pflanzen mit volksmedizinischen Erkenntnissen der damaligen Zeit zusammen. Die Pflanzen benannte sie dabei überwiegend mit den zu ihrer Zeit gebräuchlichen deutschen Namen, so dass es später manchmal sehr schwierig war, festzustellen, welche Pflanze jeweils gemeint war. Manche Art, wie die von ihr als „Wolfsgelegena“ bezeichnete Arnika (Arnica montana), wurde bei Hildegard von Bingen erstmalig als Arzneipflanze aufgeführt. Dies gilt auch für die Ringelblume (Calendula officinalis), die die Benediktinerin innerlich gegen Verdauungsstörungen sowie äußerlich als Salbe gegen Ekzeme empfahl. Das sind auch heute noch anerkannte Anwendungen, so dass Hildegard von Bingen hier ebenso wie bei der Anwendung vieler anderer Heilkräuter die Anerkennung als weitsichtiger Wegbereiterin gebührt. Ebenso ist sicherlich die Wertschätzung, die sie dem Dinkel (Triticum aestivum subsp. spelta) entgegenbrachte, dafür ausschlaggebend, dass dieses Getreide vor allem von gesundheitsbewussten Menschen zunehmend genutzt wird – auch wenn Hildegard von Bingen weit öfter als den Dinkel den heute vielgeschmähten Weizen erwähnte. Seit der Arzt Gottfried Hertzka 1970 den Begriff Hildegard-Medizin eingeführt hat, ist das Interesse an auf ihren Werken basierenden Heilmethoden und Heilmitteln stark gestiegen. Allzu unkritisch sollte man die Empfehlungen aus ihren Originalschriften allerdings auch nicht übernehmen und insbesondere bei Rezepturen vorsichtig sein, die giftige Pflanzen wie Maiglöckchen oder Wolfsmilch enthalten. Nicht alles, was vor dem Hintergrund des Wissens und der Möglichkeiten des Mittelalters empfehlenswert und fortschrittlich war, ist auch heute noch die beste Heilmethode.