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Leben

Historische Größen und ihr Bezug zu Pflanzen – Der Herr der Jahresringe

Leonardo da Vinci – der Herr der Jahresringe.
Leonardo da Vincis Zweigstudie mit Blättern und Trauben.
Die Skizze des Veilchens mit Anmerkungen hat eher wissenschaftlichen Charakter.
Die Chilipflanze bezeichnete er als Calechutischen Pfeffer.
Einer der „Väter der Pflanzenkunde“: Leonhart Fuchs.
April 2019

Das Universalgenie Leonardo da Vinci war seiner Zeit auch hinsichtlich botanischer Erkenntnisse weit voraus. Der Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs hingegen belebte mit seinem aufwendig gestalteten „New Kreüterbuch“ das antike Heilpflanzenwissen neu.

Die Jahresringe eines Baumstamms verraten uns, wie alt der Baum geworden ist – das ist heute allgemein bekannt. Aber wem verdanken wir dieses Wissen? Höchstwahrscheinlich der genauen Beobachtungsgabe des berühmten italienischen Universalgenies Leonardo da Vinci (1452–1519), der nicht nur ein bedeutender Maler, Bildhauer und Architekt der Renaissance war, sondern sich zudem eingehend mit Anatomie, Mechanik, Naturphilosophie und weiteren Wissenschaften befasste. Auch auf die Frage, wer der Begründer der modernen Botanik ist, wird sein Name oft genannt. Vor seiner Zeit ging es beim Studium der Pflanzen vor allem darum, welche davon dem Menschen als Nahrung oder zu Heilzwecken nützlich und welche ihm im Gegenteil schädlich sein könnten. Die Pflanzen wurden beschrieben, nicht experimentell erforscht. Leonardo dagegen untersuchte unter anderem den Pflanzenwuchs und entdeckte einige botanische Gesetzmäßigkeiten. Wichtig war ihm dabei, dass seine Erkenntnisse auf eigenen Erfahrungen statt auf den Schriften anderer beruhen. So stellte er nicht nur fest, dass sich anhand der Jahresringe das Alter eines Baumes oder Astes bestimmen lässt, sondern darüber hinaus auch, dass breitere Jahresringe auf ein feuchtes, schmalere hingegen auf ein trockeneres Jahr hinweisen – dass sich aus den Jahresringen von Bäumen also Aufschluss über die klimatischen Bedingungen während ihres Wachstums gewinnen lässt. Auf diesem Wissen baut die Dendrochronologie heute auf, wenn sie das während früherer Epochen herrschende regionale Klima erforscht oder historische hölzerne Bauwerke anhand der Abfolge von Jahresringen datiert.


Wissenschaftliche Skizzen
Ein weiteres Forschungsthema von Leonardo da Vinci war die Stellung der Baumblätter am Ast. So stellte er fest, dass die Blätter der letzten Zweige so ausgerichtet sind, dass sie den Tau mit ihrer ganzen Oberfläche besonders gut auffangen können. Solche Blätter seien so verteilt, dass sie sich gegenseitig möglichst wenig verdecken. So könne der Baum besonders gut von Luft und Sonne profitieren. In mit sparsamen Strichen ausgeführten Skizzen hielt Leonardo fest, wie Baumäste sich verzweigen und wie auf dicken Zweigen immer dünnere aufsetzen. Auf anderen Blättern sind neben den Pflanzen auch einzelne Bestandteile wie Kelchblätter, Blütenblätter, Staubgefäße und Stempel dargestellt. Die Pflanze wird hier Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung – hinsichtlich ihrer Genauigkeit wären solche Zeichnungen hervorragend zur Illustration entsprechender Lehrbücher geeignet. Begleitet waren solche Skizzen von beschreibenden Texten – immer in Spiegelschrift von rechts nach links, wie es die Art des Linkshänders war. Bereits früher soll Leonardo auch Wachsabdrücke von Blättern angefertigt haben, um die Struktur der Blätter genauer zu untersuchen. Außerdem sammelte er Pflanzen der verschiedensten Arten und bewahrte sie auf, erstellte also eine Art Herbar.
 

Pflanzenstudien für die Kunst
Woher aber rührt das Interesse von Leonardo da Vinci an der Botanik überhaupt? Sicherlich hat er, ebenso wie viele andere Maler auch, zunächst Pflanzenstudien angefertigt, die er dann bei der Anfertigung größerer Gemälde als Vorlagen verwendet hat. So findet sich beispielsweise unter seinen Skizzen die Studie zu einer Lilie, die gut als Vorlage für die Madonnenlilie gedient haben könnte, die der Erzengel Gabriel auf dem ungefähr 1475 vollendeten Gemälde „Die Verkündigung Mariae“ in der linken Hand hält. Das Gemälde gilt als gemeinschaftliches Werk von Leonardo da Vinci und Andrea del Verrocchio. Speziell die Lilie und ein hoch aufragender Fels im Hintergrund werden Leonardo zugeordnet. Auf vielen seiner großen Werke sind eine Vielzahl verschiedener Pflanzen, die oft Boden und Hintergrund üppig überwuchern, botanisch präzise dargestellt. Auf dem Gemälde „Die Felsengrottenmadonna“ in der zweiten, zwischen 1493 und 1508 gemalten Fassung beispielsweise sind Akelei, Johanniskraut, Efeu, Anemone und einige andere Arten genau zu identifizieren, wobei Leonardo die Pflanzen wohl nicht zuletzt ihrer symbolischen Bedeutung wegen ausgewählt hat: So steht der Efeu für immerwährende Treue, während das Johanniskraut als Johannes dem Täufer geweihte Pflanze gilt, dessen roter Farbstoff an das Blut des Märtyrers erinnert. Die Akelei neben dem Gesicht der Madonna dagegen ist allgemein symbolisch der Jungfrau Maria zugeordnet und steht für Demut ebenso wie für Erlösung und den Lobpreis Gottes.
 

Das „New Kreüterbuch“
Otto Brunfels (1488 bis 1534), Hieronymus Bock (1498 bis 1554) und der im Folgenden genauer vorgestellte Leonhart Fuchs (1501 bis 1566) waren ebenso wie Leonardo da Vinci Persönlichkeiten der Renaissance, wenn auch knapp ein halbes Jahrhundert später als dieser geboren – drei Ärzte und Botaniker, die oft gemeinsam als „Väter der Pflanzenkunde“ bezeichnet werden. Zwar bestanden teilweise durchaus Kontakte zwischen den Dreien, aber jeder von ihnen arbeitete für sich daran, in Kräuterbüchern eine Vielzahl von Pflanzen systematisch darzustellen und so Grundlagen für eine Pflanzenkunde zu schaffen. Als Professor für Medizin an der Universität Tübingen war Leonhart Fuchs einer der Ersten, der für seine Studenten botanische Exkursionen durchführte.
Statt ihnen die Pflanzen und ihre Eigenschaften in Form einer Vorlesung eher theoretisch vorzustellen, brachte er sie ihnen im wahrsten Sinn des Wortes nahe – draußen, direkt am Standort. Der von ihm angelegte Arzneipflanzengarten war nicht nur der erste botanische Garten dieser Universität, sondern zugleich einer der ersten weltweit. Im Laufe seines Lebens verfasste er über 50 Bücher und andere Schriften. Unter diesen waren es vor allem seine Kräuterbücher, die ihm schon damals zu großem Ruhm verhalfen und die dafür sorgen, dass sein Name auch heute noch unvergessen ist. Zunächst brachte er 1542 in lateinischer Sprache sein Kräuterbuch „De Historia Stirpium commentarii insignes“ heraus. 1543 folgte als deutsche Ausgabe das „New Kreüterbuch“, mit dem er neben den Ärzten auch den medizinischen Laien Zugang zur Welt der Pflanzen verschaffen wollte.
 

Nach der Natur handkolorierte Holzschnitte
Hervorzuheben sind die prächtigen Illustrationen, für deren Herstellung Fuchs zwei Zeichner und den seinerzeit bedeutenden Formschneider Veyt Rudolff Speckle für die Holzschnitte engagierte. Das Aufbringen der Farben beaufsichtigte Leonhart Fuchs persönlich, um sicherzustellen, dass man die Pflanzen anhand absolut naturgetreuer Farben dann auch in der Natur identifizieren kann. Ähnlich wie man es von heutigen Pflanzenführern kennt, folgt die Vorstellung jeder Pflanze einer klaren Struktur. Zu jeder Abbildung gibt es je einen Abschnitt zum Namen, zur Botanik, zur Gestalt, zu Standort, Blütezeit sowie bei Heilpflanzen zu Anwendungsgebieten und Arzneizubereitungen. Über 500 Arten stellt Fuchs in seinem „New Kreüterbuch“ mit handkolorierten Holzschnitten vor. Darunter sind neben zu seiner Zeit lang bekannten Wild- und Heilkräutern, Gemüsen und Bäumen auch viele Pflanzen, die ursprünglich in Afrika oder Asien beheimatet waren, und solche, die erst nach der rund 50 Jahre vorher erfolgten Entdeckung Amerikas nach Europa kamen. Mais (Zea mays), Paprika (Capsicum annuum) und Gartenkürbis (Cucurbita pepo) bildet er europaweit ebenso erstmals ab wie die Gartenbohne (Phaseolus vulgaris). Das, was er zu den Heilwirkungen der einzelnen Pflanzen schreibt, beruht häufig auf antiken Quellen wie dem griechischen Arzt Dioskurides – es handelt sich also nicht um seine eigenen Erkenntnisse. Seine systematischen Zuordnungen entsprechen nur teilweise heutigen Erkenntnissen. So fasst er zwar Tollkirsche (Atropa belladonna), Schwarzen Nachtschatten (Solanum nigrum), Indischen Stechapfel (Datura metel) und Lampionblume (Physalis alkekengi) richtig unter dem Begriff Nachtschatten zusammen. Die Vierblättrige Einbeere (Paris quadrifolia) und den Gelben Eisenhut (Aconitum lycoctonum), die zwei verschiedenen Ordnungen angehören und sich auch nicht ähnlich sehen, betrachtet er hingegen als zwei Geschlechter des „Wolffswurtz“. An den Namen von Leonhart Fuchs erinnern heute noch die Fuchsien – der französische Botaniker Charles Plumier als Entdecker dieser Gattung nannte sie zu Ehren von Leonhart Fuchs Fuchsia.