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Leben

Historische Größen und ihr Bezug zu Pflanzen – Götter, Helden, Zauberpflanzen

Olivenbaum mit Tempel
Homer – frühester Dichter und erster Botaniker des Abendland
Pfingstrose
Schafgarbe
Granatapfel
Krateuas Thema dagegen waren Kräuter und ihre Wirkung.
Dezember 2018

Bereits Homer beschreibt in seinen Epen rund um den Trojanischen Krieg zahlreiche Nutz- und Zauberpflanzen. Rund 400 Jahre später erwacht dann mit Aristoteles und Theophrastos das wissenschaftliche Interesse an Pflanzen.

 

Nicht nur Botaniker, sondern auch viele andere bekannte Persönlichkeiten der jüngeren Vergangenheit, ebenso wie Größen längst vergangener Zeiten – seien es Künstler, Könige, Entdecker oder Forscher – hatten einen ganz besonderen Bezug zu Pflanzen und Gärten. Dass sie sich eingehend mit Pflanzen beschäftigten, hatte die verschiedensten Gründe teils wissenschaftlicher, teils emotionaler oder auch politischer Natur. Unsere neue Kleingarten Magazin-Serie „Historische Größen und ihr Bezug zu Pflanzen“ stellt einige dieser Persönlichkeiten vor, angefangen mit der Antike in dieser Ausgabe bis hin zum 20. Jahrhundert.

 

Homer – der erste Botaniker

In gewisser Weise ist Homer, der wahrscheinlich im siebenten oder achten Jahrhundert vor Christus gelebt hat, nicht nur der früheste Dichter des Abendlands, sondern auch der erste Botaniker in diesem Teil der Welt. In seinen Epen „Ilias“ und „Odyssee“ in denen er die Trojanischen Kriege und die Irrfahrten des Odysseus um 1200 v. Chr. beschreibt, werden nämlich neben einer Vielzahl von Göttern und Helden auch mehr als 50 Pflanzen aufgeführt – die erste schriftliche Erwähnung von Pflanzennamen im europäischen Raum überhaupt. Und während die Handlung sowie die Sagengestalten und Götter betreffend heftig diskutiert wird, was davon Wahrheit und was Dichtung ist, lassen sich viele der erwähnten Pflanzen recht eindeutig bestimmen. An Bäumen nennt Homer zum Beispiel Eichen, Platanen, Tannen und Kiefern, wobei es teilweise um ganz praktische Dinge wie ihre Nutzung als Bauholz oder zur Herstellung von Waffen geht. Auch auf verschiedene Getreidearten, den Weinstock, Ölbäume, Feigen, Birnen und Granatäpfel geht er ein. Neben Nutz- und Gartenpflanzen berichtet er über wild wachsende Pflanzen wie das Veilchen oder den Affodill. Diese werden in einen sagenhaften Zusammenhang gestellt: Das Veilchen freut das Auge des Götterboten Hermes, während der Affodill auf Wiesen in der Unterwelt wächst, obwohl es ihm dort in der realen Welt wohl zu schattig wäre.

 

Sagenumwobene Zauberkräuter

Eine wichtige Rolle spielen in den Werken von Homer auch verschiedene Heil- und Zauberpflanzen. Bei diesen ist allerdings eine botanisch korrekte Zuordnung zu uns bekannten Pflanzen oft schwierig. Beispielsweise bei der wohl berühmtesten Zauberpflanze des klassischen Altertums, dem sagenumwobenen Kraut Moly: In der Odyssee überreicht Hermes diese Pflanze Odysseus, nachdem die Zauberin Kirke den Großteil seiner Mannschaft – wohl auch mithilfe von Zauberpflanzen – in Schweine verwandelt hat und er sich auf den Weg macht, um seine Mannschaft diesem Einfluss zu entziehen. Odysseus selbst schützt das Kraut vor der Hexenkunst der Kirke und schließlich gelingt ihm auch die Rückverwandlung seiner Gefährten. Zum Aussehen von Moly heißt es bei Homer: „Ihre Wurzel war schwarz und milchweiß blühte die Blume.“ Dazu gibt er noch den Hinweis, dass sie für sterbliche Menschen nur schwer zu graben, also wohl fest im Boden verankert sei. Durchaus konkrete Angaben also, die dennoch viel Raum für Spekulationen lassen. Und dementsprechend eifrig wurde auch spekuliert. Während der Renaissance kamen italienische Botaniker beispielsweise zu der Ansicht, dass hier eine Lauchart der Gattung Allium gemeint wäre. Das könnte gut passen, weil Alliumarten in Griechenland als Mittel zur Abwendung von Zauberkräften gelten. Seiner weißen Blüten wegen käme von diesen der Schwarze Lauch (Allium nigrum) infrage, wobei der Namensteil nigrum – für schwarz – sich wohl eher auf die dunkle Blütenmitte als auf die Wurzel bezieht. Ebenfalls als mögliche Kandidaten werden das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) und die Sommerknotenblume (Leucojum ­aestivum) genannt. Bei einer weiteren Heilpflanze, die in der Ilias auf Anweisung von Achilleus zur Wundheilung und zur Stillung von Blutungen eingesetzt wird, handelt es sich wahrscheinlich um die Schafgarbe (Achillea millefolium) – ­entsprechend geht ihr Gattungsname ­Achillea auf den sagenhaften Held des Trojanischen Krieges zurück.

Ebenfalls der Wundheilung diente bei Homer die Pfingstrose, mit der Paeon, der Arzt der Götter, die tiefen Wunden des Gottes der Totenwelt, Pluto, heilte. Und auch bei dieser Pflanze verweist
ihr Gattungsname Paeonia auf eine ­Sagengestalt – eben auf Paeon. Es wird sogar gesagt, dass das bei Homer vorkommende griechische Wort „wotani“ für Weidekräuter der Botanik, der Wissenschaft von den Pflanzen, ihren Namen gegeben hat. Da Homer allerdings nicht der Einzige gewesen sein dürfte, der dieses Wort verwendet hat, scheint es etwas übertrieben, ihn als Namensgeber der Pflanzenkunde zu bezeichnen.

 

Der wissenschaftliche Ansatz

Während Homers Bezug zu Pflanzen wohl überwiegend darin bestand, dass er sie in ihrer Vielfalt wahrnahm und sie in seine Dichtung teils durchaus handfest als Nutzpflanzen, teils aber auch als sagenumwobene Zauberpflanzen aufnahm, hatte Theophrastos von Eresos (um 371 bis um 287 v. Chr.) ein wissenschaftliches Interesse an der Pflanzenwelt. Zusammen mit seinem Lehrer Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) gilt der griechische Philosoph und Naturforscher als Begründer der wissenschaftlichen Botanik. Zwei jeweils aus mehreren Bänden bestehende Schriften von ihm befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Botanik. „Die Naturgeschichte der Gewächse“ handelt den typischen Aufbau von Pflanzen mit Blüten, Blättern, Stamm, Wurzel und dem inneren Bau ab und beschäftigt sich mit verschiedenen Pflanzengruppen wie Holzpflanzen, Stauden, Gemüsepflanzen und deren Kultur und Getreide sowie mit Säften und Arzneikräften. Das zweite Werk „Über die Ursache des Pflanzenwuchses“ geht auf die Entstehung, Vermehrung und das Wachstum der Pflanzen ebenso wie auf die Möglichkeiten, sie zu vermehren und zu kultivieren, ein. Theophrastos beschreibt dabei auch, wie Klima, Boden und die Anwesenheit anderer Pflanzen sich auf die Gewächse auswirken. Grundlage seines Werks waren dabei wahrscheinlich auf mehreren Reisen durch Griechenland sowie in dem von ihm betreuten Botanischen Garten selbst gewonnene Erkenntnisse ebenso wie Reiseberichte von Teilnehmern der Feldzüge Alexander des Großen durch Indien, Persien, Syrien, Ägypten und Libyen. Weil diese Berichte aber oft widersprüchlich zueinander und lückenhaft waren, fielen auch die Ausführungen Theophrastos’ zu ausländischen Pflanzen entsprechend unvollkommen aus. Theophrastos ging es allerdings auch weniger um die einzelnen Pflanzenarten als um generelle Überlegungen zum Aufbau, zum System und zur Nutzung und Kultivierung von Pflanzen. Auch auf Homer als botanische Autorität greift er gelegentlich zurück, beispielsweise wenn er über das oben bereits erwähnte Zauberkraut Moly berichtet.

 

Das erste bebilderte Kräuterbuch

In der Zeit nach Theophrastos ließ das Interesse an theoretischen Überlegungen zur Pflanzenwelt wieder stark nach – die einzelne Pflanze und ihr Nutzen für den Menschen in Ackerbau und Heilkunde rückten in den Fokus. Der griechische Arzt und Pharmakologe Krateuas (um 100 v. Chr.) beispielsweise interessierte sich vor allem für die Heilwirkung der verschiedenen Pflanzen. Der Leibarzt von König Mithridates VI., Herrscher über das kleinasiatische Königreich Pontos, verfasste ein dreiteiliges Kräuterbuch. In diesem wissenschaftlichen Werk stellte er vor allem die medizinischen Eigenschaften der Pflanzen heraus. Das hatten vor ihm auch schon andere Autoren von Kräuterbüchern getan – wirkliches Neuland betrat er dann mit der Herausgabe einer zweiten volkstümlichen Aus­gabe. In dieser verzichtete er auf die beschreibenden Texte und ordnete stattdessen die Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge an – jeweils versehen mit einer farbigen Abbildung. Insbesondere unter Wissenschaftlern stieß dies aber nicht nur auf Begeisterung. Der römische Gelehrte Plinius beispielsweise bezeichnete die Darstellung angesichts der zahlreichen darzustellenden Farbtöne als unzuverlässig. Dennoch wurde das ­bebilderte Kräuterbuch von Krateuas zum Vorbild für viele nachfolgende Werke.