Zurück zur Übersicht

Leben

Historische Größen und ihr Bezug zu Pflanzen – Uhrzeiger der Natur

An der Blumenuhr von Carl von Linné kann man die Uhrzeit anhand der Blühzeiten v
Carl von Linné war weit mehr als nur ein Theoretiker.
Mit Kaiserkronen, Tulpen, Hyazinthen und Narzissen gefällt dieser Garten.
Georg Philipp Telemann
Maria Sibylla Merian
Eine Raupe sich zunächst verpuppt …
Juni 2019

Als etwas, das man endlich mal richtig sortieren sollte, als Quell ungehemmter Sammelleidenschaft oder auch als sonderbare Blumennahrung für Raupen – so unterschiedlich betrachteten Menschen des Barock wie Carl von Linné, Georg Philipp Telemann und Maria Sibylla Merian die Pflanzenwelt.

 

Kann man an einem Blumenbeet die Uhrzeit ablesen? Das klingt eigentlich unglaublich, aber der schwedische Arzt und Naturforscher Carl von Linné (1707 bis 1778) stellte fest, dass das möglich ist. Als sehr guter Beobachter von Abläufen in der Natur entdeckte er, dass viele Pflanzenarten nur zu für sie ganz typischen Tageszeiten blühen. Hiervon ausgehend entwickelte er eine zifferblattförmige Beetanlage mit zwölf Abteilungen, in die die zur jeweiligen Tagesstunde blühenden Blumen gepflanzt wurden. Angeblich war es Linné möglich, anhand dieser Blumenuhr die Tageszeit auf fünf Minuten genau zu bestimmen – was er sicherlich als systematisch denkender Mensch sehr zu schätzen wusste.

 

Inventur im Pflanzenreich

Meist aber wird der Name von Linné vor allem in Zusammenhang mit der Systematik genannt, mit der er Ordnung und vor allem Eindeutigkeit im Pflanzenreich schaffte. Vor seiner Zeit waren als wissenschaftliche Namen von Pflanzen oft recht umfangreiche lateinische Beschreibungen in Gebrauch. „Campanula urticae folio, flore albo“ beispielsweise bedeutete auf Deutsch einfach „Nesselblättrige Glockenblume, weißblühend“. Andere auf fernen Kontinenten forschende Entdecker griffen bei der Benennung von Pflanzen dagegen häufig auf von der dortigen Bevölkerung verwendete Bezeichnungen zurück. Solche Pflanzennamen waren oft alles andere als eindeutig, so dass heute viel detektivische Kleinarbeit nötig ist, um herauszufinden, um welche Pflanzen es sich gehandelt hat. Erst Linné sorgte hier für Klarheit, indem er mit der sogenannten binären Nomenklatur eine eindeutige Namensgebung schuf. Jede Pflanze und jedes Tier erhält danach einen wissenschaftlichen Namen, der aus zwei Teilen besteht – dem großgeschriebenen Gattungsnamen und einem kleingeschriebenen artspezifischen Zusatz. An den Namen von Madonnen-Lilie (Lilium candidum) und Türkenbund (Lilium martagon) beispielsweise lässt sich ablesen, dass beide als zwei verschiedene Arten der Gattung Lilium angehören. Dieser nach wie vor weltweit anerkannten Nomenklatur hat Linné es sicherlich zu verdanken, dass sein Name heute noch allgemein bekannt ist. Für ihn selbst war sie aber eventuell nicht viel mehr als ein Abfallprodukt oder auch Werkzeug, das ihm bei seinem eigentlichen Streben half, alle seinerzeit bekannten Mineralien, Pflanzen und Tiere zu ordnen und zu beschreiben. So führte er in seinem 1753 erschienenen Werk „Species Plantarum“ ungefähr 7.300 Pflanzenarten auf, die er alle aus eigener Anschauung kannte: Entweder waren sie ihm auf Forschungsreisen oder in Botanischen Gärten begegnet oder er hatte in Herbarien konservierte Teile von ihnen untersucht. Die Pflanzen klassifizierte er anhand von Merkmalen ihrer Fortpflanzungsorgane. Eine besonders wichtige Rolle spielten dabei Lage, Sichtbarkeit und Anzahl von Staubblättern und Stempeln.

 

Ausufernde Sammelleidenschaft

Mit mehr als 3.600 verzeichneten Werken einer der produktivsten Komponisten der Musikgeschichte, gleichzeitig aber auch leidenschaftlicher Sammler verschiedenster, teilweise äußerst exotischer Pflanzen – das war Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). Zu Lebzeiten war der Komponist des Barock europaweit eine Berühmtheit, die ihres Einfallsreichtums und ihrer Schaffenskraft wegen großes Ansehen genoss. Seine Leidenschaft für Pflanzen scheint Telemann erst relativ spät im Leben erfasst zu haben. So schreibt er 1742 an seinen Freund, den Sammler und Mäzen -Johann Friedrich Armand Uffenbach: „Ob diese (gemeint ist die Musik) zwar mein Acker und Pflug ist und mir zum Hauptergetzen dienet, so habe ich ihr doch seither ein paar Jahren eine Gefehrtinn zugesellet, nemlich die Bluhmen-Liebe.“ Vor den Toren der Stadt Hamburg, in der er seit 1721 lebte, besaß er einen Garten, in dem er heimische ebenso wie aus fernen Ländern stammende Pflanzen hortete und pflegte. Ein von Telemann 1742, also in den Anfangszeiten seiner Blumenliebe, verfasstes Pflanzenverzeichnis listet ungefähr 70 Pflanzenarten auf, die damals wohl in manchem besser ausgestatteten Hamburger Garten anzutreffen waren. Sträucher vom Liguster bis zum Spierstrauch sowie Zwiebelpflanzen wie verschiedene Krokusarten, Kaiserkronen, Narzissen und Hyazinthen waren der Liste zufolge in Telemanns Garten zu bewundern. Dazu kamen ausdauernde Pflanzen wie Astern, Glockenblumen, Maiglöckchen, Herbstzeitlose, Schwertlilien und Pfingstrosen und auch einjährige Zierpflanzen von der Kapuzinerkresse über die Kornblume bis zu Studentenblumen.

 

Begierde nach Zwiebelgewächsen

Nachdem dieser schon recht umfangreiche Grundstock erst einmal gelegt war, steigerte sich die Sammelleidenschaft Telemanns mehr und mehr. Er selbst sprach von einer „Unersättlichkeit in Hyacinthen und Tulpen“, seinem „Geiz nach Ranunkeln und besonders Anemonen“ und seiner „Begierde nach den mehresten Zwiebelgewächsen“.

Auf der Suche nach immer neuen Pflanzen knüpfte er Kontakte zu führenden Botanikern seiner Zeit. Und er hatte Erfolg: Albrecht von Haller beispielsweise, Gründer des Botanischen Gartens in Göttingen, schickte ihm seltene Sämereien für seine Sammlung. Zudem nutzte Telemann seine guten Kontakte innerhalb der Musikbranche, um seine Kollegen mit der Bitte um Samen und neue exotische Pflanzen für seine Sammlung anzugehen. Auch hier mit einigem Erfolg: So schickte ihm Johann Georg Pisendel, Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, eine Pflanzensendung mit verschiedenen Aloe-Arten, baumartigen Wolfsmilchgewächsen und Säulenkakteen. Auch vom Freund und Komponistenkollegen Georg Friedrich Händel bekam er zum 69. Geburtstag eine Kiste Blumen. Dies alles trug dazu bei, dass Telemanns Garten immer größer, exotischer und bekannter wurde und dass man ihn noch 100 Jahre später zu den bedeutendsten Hamburger Gärten des 18. Jahrhunderts zählte.

 

Blumenvorlagen für stickende Damen

Während bei Telemann beruflich ausgeübte Kunst und privat verfolgte botanische Interessen nicht direkt miteinander zusammenhingen, ergab sich bei der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian (1647 bis 1717) das eine aus dem anderen. Bereits kurz nach ihrem zehnten Lebensjahr lernte sie, Kupferstiche anzufertigen und entwickelte schnell ihren eigenen Malstil. Ebenfalls zu dieser Zeit begann sie, aus Raupen verschiedene Falter heranzuziehen. Es begeisterte sie, wie die Raupe sich zunächst verpuppt, um dann als prächtiger Schmetterling die Puppenhülle zu verlassen. In den folgenden Jahren begann sie, diese Wandlungen genauer zu erforschen und in ihrem Skizzenbuch festzuhalten. Bei der Aufzucht entdeckte Maria Sibylla Merian auch, dass viele Schmetterlingsarten für die Entwicklung ihrer Raupen auf ganz bestimmte Nahrungspflanzen angewiesen sind, ohne die sie nicht überleben können. In ihrem ersten Werk ging es allerdings nicht um solche Wechselwirkungen. Stattdessen stellte sie auf Kupferstichen in erster Linie Blumen und Blumengebinde dar. Dementsprechend nannte sie es „Neues Blumenbuch“. Es war als Musterbuch für stickende Damen, von denen sie auch einige in der Kunst der Blumenmalerei und -stickerei unterrichtete, konzipiert. Der erste Teil des Blumenbuchs erschien 1675 und enthielt Kopien fremder Werke. Teil 2 und Teil 3, die sie in den folgenden Jahren herausbrachte, waren dagegen meisterhaft kolorierten eigenen Naturstudien vorbehalten.

 

Für jede Raupe die richtige Pflanze

Die Ergebnisse ihrer Forschungen zu Schmetterlingen und deren Nahrungspflanzen, die sie zuvor ja schon jahrelang beschäftigt hatten, präsentierte Maria Sibylla Merian dann in ihrem zweiten Werk „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“. Auf jeder der 100 Tafeln dieses zweibändigen Werks gruppierte sie rund um ein Pflanzenmotiv herum Ei, Raupe, Puppe und das geflügelte erwachsene Insekt jeweils einer Schmetterlingsart, die sie vorher in einzelnen Detailzeichnungen festgehalten hatte. Anders als viele andere Pflanzenmaler der damaligen Zeit zeigte sie dabei auf den Bildern auch sehr alltägliche, eher unscheinbare Pflanzen – eben die jeweiligen Nahrungspflanzen der Schmetterlinge. In ihrem Hauptwerk, dem nach einer zweijährigen Expedition ins südamerikanische Surinam herausgebrachten „Metamorphosis insectorum Surinamensium“ (Verwandlung der surinamischen Insekten), wich sie von dieser konsequenten Zuordnung von Insekt zu Futterpflanze allerdings auch schon einmal ab. Eventuell hatte da die Künstlerin in Maria Sibylla Merian Oberhand über die Naturforscherin in ihr gewonnen und sie einfach nach ästhetischen Gesichtspunkten entscheiden lassen, was am besten zusammenpasst.