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Leben

An ihren Gallen sollt Ihr sie erkennen

Kleingarten Magazin
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August 2011

Auch im Inneren von Pflanzen – in Gallen und Minen – lebt eine Vielzahl von Tieren. Vor allem sind es Insekten oder Milben, deren Larven dort gut geschützt und im Falle der Gallen sogar von den Pflanzen mit einer ­Extraportion Nahrung versorgt heranwachsen.

Kleinere oder auch größere Kugeln, unförmige Auswüchse, haarige Linsen, zipfelspitzige Eier oder punktförmige Erhebungen – die an Blättern, Stielen oder auch anderen Organen von Pflanzen zu findenden Gallen können sehr unterschiedliche Formen haben. Verursacht werden diese manchmal sehr bizarren Gebilde meist von Insekten oder Milben und trotz ihrer Vielgestaltigkeit kann man in der Regel auch genau sagen, welche Tierart für ihre Bildung verantwortlich war. Im Gegensatz zu den Gallen kann allerdings nur ein Experte deren meist ebenso kleine wie unscheinbare Verursacher auseinanderhalten. Für die besiedelten Pflanzen stellen die Gallen meistens kein größeres Problem dar, so dass der Kleingärtner dieses interessante Phänomen in Ruhe betrachten kann, ohne sich schwerwiegende Gedanken über die Bekämpfung der Verursacher machen zu müssen. Die Förster ebenso wie der gewerbsmäßige Nutzpflanzenanbau allerdings beurteilen die Gallenbildungen kritischer, da sie zu Wachstumseinbußen bei den Pflanzen führen.
Diese Wachstumseinbußen kommen nicht von ungefähr: Nachdem das gallenbildende Tier ein Ei auf oder in das Pflanzengewebe gelegt hat, wird die Entwicklung der betroffenen Pflanzenteile oft erheblich beeinflusst. Der Gallenbildner scheint hierbei nur ein paar Hormone einzusetzen, die die Pflanze dazu bringen, aus ihrem eigenen Gewebe und mithilfe von ihr gewonnener Nährstoffe für den Gallenbildner eine Art Schutzgehäuse zu errichten. Die Pflanzen investieren eine ganze Menge in den Bau der Gallen. Oft bestehen diese aus mehreren Schichten: einem inneren Nährgewebe, zwei verschiedenen Schutzschichten und einer Außenschicht, die der Oberfläche des befallenen Pflanzenorgans ähnelt. Die im Inneren lebende Larve ist meist winzig klein und es fragt sich, warum die Pflanze zu ihrem Schutz solch einen Aufwand betreibt.
 

Gast oder Gefangener?
Einige Forscher vermuten, dass die Galle weniger eine Gaststube als vielmehr eine Art Gefängnis für den Verursacher darstellt, in dem die Pflanze ihn an einem Ort festsetzt und so daran hindert, größere Bereiche der für die Photosynthese benötigten Blätter zu schädigen. Es ist natürlich auch möglich, dass das Insekt die von ihm produzierten Hormone einfach sehr geschickt einsetzt, um das pflanzliche Wachstum in seinem Sinne zu manipulieren. Schließlich ähneln diese Stoffe den von der Pflanze selbst gebildeten Hormonen teilweise stark. Dass viele der Gallen nicht nur durch ihre Größe sehr auffällig sind, sondern sich auch durch ihre Farbe von der Umgebung stark abheben, könnte noch einen weiteren Grund haben: Eventuell locken sie mit ihrem auffälligen Aussehen Parasiten an, die den ursprünglichen Gallenbewohner als Nahrung für ihre Nachkommen nutzen. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass die Population der Gallenverursacher in Schach gehalten werden kann. Und solche Parasiten gibt es reichlich: Manche Gallen können von mehreren Dutzend Arten besiedelt sein. Einige Insektenarten haben sich darauf spezialisiert, mit einem langen, dünnen Legebohrer durch die Galle hindurch die darin lebende Larve anzustechen und ein Ei in sie hineinzulegen. In den spitzzipfeligen Gallen, die die Buchengallmücke (Mikiola fagi) als eigentlicher Verursacher auf Rotbuchenblättern hervorruft, leben beispielsweise mehr als zehn Arten teils voneinander, teils nebeneinander her. Im Herbst fallen die Buchengallen ab und im zeitigen Frühjahr schlüpft die nächste Generation von Gallmücken – gerade rechtzeitig, um auf den sich frisch entfaltenden jungen Buchenblättern ihre Eier abzulegen.
 

Nadelbaum mit Ananas
Einer anderen Tiergruppe, den Blattläusen, gehören die Fichtengallenläuse (Adelges spec.) an, die an den Triebspitzen verschiedener Fichtenarten ananasähnliche Gallen verursachen. Ein wenig erinnern diese Gallen auch an Zapfen von Nadelbäumen, so dass sie beim oberfläch­lichen Betrachter vielleicht zunächst kaum Aufmerksamkeit erwecken. Schneidet man aber eine der Gallen auf, so entdeckt man darin die Gallenläuse, die sich in ihrem Aussehen nicht sonderlich von anderen Blattlausarten unterscheiden. Die Fichtengallenläuse zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen Wirtswechsel durchmachen. In den Gallen auf der Fichte entwickeln sich geflügelte Weibchen. Wenn diese Gallen aufbrechen, verlassen die Weibchen ihr schützendes Gehäuse und suchen eine andere Baum­art, die Lärche, auf. Dort legen sie Eier ab. Die herausschlüpfenden Läuse überwintern unter einer selbst produzierten Wachswolle. Im Frühjahr entstehen auch hier ­geflügelte Weibchen, von denen ein Teil wieder Fichten aufsucht und dort Eier legt.
Ebenfalls um Gallen handelt es sich bei den häufig zu beobachtenden Aufwölbungen auf Blättern des Walnussbaums. Verursacher ist hier die Gallmilbe (Aceria erinea). Wenn man die Blätter umdreht, findet man auf der Unterseite der Galle filzähnliche Flecken. Dort leben in den Haaren auch die Milben selbst.
 

Schlafäpfel unterm Kopfkissen
Sicherlich am häufigsten unter den Gallenbildnern und durch die Form der von ihnen verursachten Gallen auch am bekanntesten sind die Gallwespen (Cynipidae). Eine von ihnen ist die Gemeine Rosen-Gallwespe (Diplolepis rosae), die an der Hundsrose und anderen Wildrosen auffällige, im ausgewachsenen Zustand meist rote Wucherungen hervorruft, die allgemein unter dem Namen Schlafapfel bekannt sind. Im Frühjahr legt das Weibchen der Gallwespe seine Eier in die Knospen der Rosen, wo sie durch ihren Fraß das Wachstum der zotteligen Bällchen vorantreiben. Jede der Gallen enthält mehrere Larvenkammern. Die Gallenbewohner schlüpfen erst im Frühjahr – meist in Form geflügelter Weibchen –, wenn die Rose wieder ausschlägt. Zu ihrem Namen sind die Schlafäpfel übrigens deshalb gekommen, weil man ihnen früher eine schlaffördernde Wirkung zuschrieb und sie sich unter das Kopfkissen legte.
Besonders auffällig sind die Gallen, die verschiedene Arten von Gallwespen an der Eiche hervorrufen. Auf Deutsch heißen die meisten von ihnen einfach Eichen-Gallwespe, aber sie tragen verschiedene wissenschaftliche Namen. So ver­ursacht Diplolepis longiventris an der Unterseite von Eichenblättern kugelige Gallen mit einem auffälligen, weißlichen Muster, Neuroterus quercus-baccharum flache, filzige Linsengallen, Andricus kollari hellbraune, fast drei Zentimeter große Kugel­gallen und Cynips quercusfolii bis zu 2,5 Zentimeter große Kugeln, die manchmal wie kleine rotbackige Äpfel aussehen können. Auch Gallen, die wie kleine Knöpfe aussehen, lassen sich an Eichenblättern beobachten, wobei die Verursacherin Neuroterus numismalis diesmal auch einen eigenen deutschen Namen – Pfennig-Gallwespe – hat. Oft ­finden sich an einer Eiche und sogar an einem einzelnen Blatt verschiedene Gallentypen direkt nebeneinander.
Weitaus weniger spektakulär als die Gallen erscheinen im Allgemeinen die Minen. Auch diese Gänge oder Hohlräume, die viele Pflanzenblätter durchziehen, werden von im Inneren der Blätter lebenden Tieren hervorgerufen, die sich fressend ihren Weg durch die Pflanze bahnen. Meist sind es die Larven von Miniermotten- und Minierfliegenarten, die sich hier zwischen Ober- und Unterseite eines Blattes richtige Gangsysteme anlegen. Manche Larven fressen sich dabei bevorzugt durch die oberen Blattschichten, während andere unten oder in mittleren Schichten leben. An den Blättern verschiedener Obst­bäume wie Apfel- oder Kirschbäumen kann man beispielsweise häufiger schlangenförmige Minen entdecken. Diese sind das Werk der Larve der Schlangenminiermotte (Lyonetia clerkella), deren gewundener Gang oft nahe an der Mittelrippe des Blattes beginnt. Bei der häufig in der Mitte des Gangs zu beobachtenden dunklen Spur handelt es sich um den Kot der Larve. Auch die Blätter der Stechpalme weisen häufig ganz typisch – unregelmäßig und meist sehr hell – ausgeprägte Minen auf, die von der Ilex-Minierfliege (Phytomyza ilicis) verursacht werden.
 

Nach dem Baum kam die Motte
Ein Minierer, der in den letzten Jahren durch die großflächige Schädigung der Belaubung von Rosskastanien sehr unangenehm aufgefallen ist, ist die Kastanienminiermotte. Lange haben die Wissenschaftler debattiert, ob diese Motte möglicherweise aus Südostasien eingeschleppt wurde und eventuell zunächst auch gar nicht Kastanien, sondern Platanen oder Ahorne befallen und dann einen Wirtswechsel vollzogen hat. Jetzt aber scheinen Larvenfunde aus alten Pflanzensammlungen zu belegen, dass die Kastanienminiermotte ebenso wie ihr Wirt, die Rosskastanie, aus dem Balkan kommt. Die älteste Raupe befand sich in einem Herbar-Beleg, der 1879 in Griechenland gesammelt wurde. Während die Rosskastanie bereits seit dem 17. Jahrhundert die Parkanlagen und Gärten Europas erobert, breitet sich der Schädling allerdings erst seit 1989 geradezu invasionsartig aus. Obwohl es die Kastanienminiermotten also noch nicht so lange bei uns gibt, hat sich auch schon die Vogelwelt auf diese neue Nahrungsquelle eingestellt: Häufig sieht man Trupps von Blau- oder auch von Kohlmeisen in den Kronen befallener Kastanienbäume auf der Suche nach den Larven herumwuseln. Der Plage Herr werden allerdings auch diese fleißigen Vögel nicht. 

Die nächste Folge der Serie „Expedition Kleingarten“ beschäftigt sich mit den Bewohnern von Gartentümpel und Wassertonne.

Bilder: Gerd Röder