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Ideen

Kleingärten – Gelebte Biodiversität

Kleingarten Magazin
Trockensteinmauern bieten Eidechsen Lebensraum. (Bild: Dr. Gerd Röder)
Etwas Wildwuchs fördert die Insektenvielfalt.
… die Raupe des Tagpfauenauges frisst Brennnesselblätter
Mit etwas Abstand verlegte Platten lassen der Natur Raum.
Insekten herzlich Willkommen.
In wilden grünen Ecken fühlt sich die Heuschrecke wohl.
Juni 2019

Kleingartenanlagen bieten viel Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Sie sind Oasen mit einer großen Artenvielfalt – und wer naturnah gärtnert und Biotope schafft, kann damit diese Vielfalt noch vergrößern.

 

In jeder Anlage gibt es die unterschiedlichsten Gemeinschaftsflächen mit Magerwiesen, Streuobstwiesen, Feucht- und Trockenbiotopen, Nistkästen oder Totholzhaufen. Auch jeder Kleingärtner legt seinen Garten ganz nach seinen persönlichen Vorstellungen an – deshalb gibt es in jeder Kleingartenanlage eine Vielfalt unterschiedlichster Gärten und damit verschiedenster Lebensräume auf kleinstem Raum.

 

Große Arten- und Sortenvielfalt

Bei dieser Bandbreite an Lebensräumen ist auch eine Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten zu erwarten – und richtig: Die Studie „Artenvielfalt – Biodiversität der Kulturpflanzen im Kleingarten“ des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde e. V. (BDG) von 2008 bestätigt dies. Ihr zufolge weisen Kleingärten mit 2.094 Kulturpflanzenarten eine wesentlich höhere Vielfalt an Nutz- und Zierpflanzen auf als andere urbane Grünflächen und als landwirtschaftliche Agrarflächen. Ihre Arten- und Sortenvielfalt zeichnet Kleingärten als besonders schützens- und erhaltenswerte Form der Grünflächennutzung aus. Mit ihren vielfältigen Lebensräumen bieten sie gleichzeitig gute Lebensbedingungen für eine Vielzahl wildlebender Tiere und Pflanzen. Das gilt besonders dann, wenn die Gärten naturnah gestaltet werden. Dies entspricht übrigens auch den meisten Gartenordnungen. Viele von ihnen setzen bereits seit Jahrzehnten auf eine naturnahe Bewirtschaftung, d. h. Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel, Kompostwirtschaft und Verwendung von organischem Dünger. Aber auch was gut ist, lässt sich noch verbessern. Die folgenden Tipps sollen zeigen, was Kleingärtner alles für noch mehr Biodiversität tun können.

 

Wilde Ecken für wilde Tiere

Nach dem Rasenmähen muss nicht jedes übrig gebliebene Grasbüschel unter Bäumen, Hecken oder am Beetrand mit dem Rasentrimmer erbarmungslos ausgemerzt werden. Vor allem, wenn solche wilden Ecken über mehrere Jahre bleiben dürfen, bieten sie vielen Insekten wie Grashüpfern, Schmetterlingsraupen oder Käfern reichlich Möglichkeiten zum Eierlegen, Fressen und Überwintern. Und auch den meist als Unkräuter geschmähten Wildkräutern sollte man etwas Überlebensraum gönnen. Brennnesseln zum Beispiel: Die Raupen von Admiral, Tagpfauenauge, Kleinem Fuchs und Landkärtchen sind auf die Brennnessel als Nahrungspflanze unbedingt angewiesen. Zudem lassen sich Kaltwasserauszüge und Jauchen aus Brennnesseln als Pflanzenstärkungsmittel bzw. als Dünger einsetzen – auch dies ist ein Beispiel für naturnahes Gärtnern. Andere Wildkräuter wie die Bunte Kronwicke sind nicht nur eine gute Nahrungsquelle für Wild- und Honigbienen, sondern blühen auch während mehrerer Monate reichlich.

 

Blumenwiese statt Englischer Rasen

Ein regelmäßig jede Woche gemähter Rasen bietet nur wenigen Tieren Lebensraum. Wird er dagegen nur zweimal im Jahr gemäht, stellt sich schnell eine Vielzahl von Insekten und anderen kleinen Lebewesen ein. Am besten ist es, verschiedene Abschnitte der entstehenden Wiese zeitversetzt zu unterschiedlichen Zeiten zu mähen und das Mähgut nicht sofort zu entfernen. So haben die Pflanzen Zeit zum Aussamen und die Tiere Zeit für einen Umzug. Allerdings darf man nicht erwarten, dass sich auf die Schnelle und ganz von selbst auch viele Wildblumen ansiedeln oder gar ein Magerrasen entsteht. Wenn der Standort mager ist, kann das nach einigen Jahren zwar glücken, aber man kann das Ganze auch von vornherein etwas radikaler angehen, die Grasnarbe abtragen und dann mit magerem Boden auffüllen und eine Mischung heimischer Wiesenpflanzen aussäen. Am besten besorgt man sich das Saatgut dafür bei einem Spezialisten für heimische Wildpflanzen, der eventuell sogar Saatgut direkt aus der Region beschaffen kann.

 

Naturnahe Wege

Wege durch den Kleingarten, aber auch durch die Gemeinschaftsflächen können Raum für Pflanze und Tier bieten, wenn sie naturnah gestaltet sind. Nicht so häufig begangene Wege lassen sich beispielsweise gut als Rasenwege anlegen. Damit sie wirklich als Weg nutzbar sind, müssen sie allerdings gemäht werden. Ebenso können solche gemähten Wege durch eine ansonsten zur Blumenwiese erblühten Rasenfläche führen. Oder soll es doch lieber ein gepflasterter Weg sein? Dann kann man die Platten oder Pflastersteine locker mit großen Abständen verlegen, so dass sich in den Fugen und Zwischenräumen Flechten, Moose, Mieren, Breitwegerich, Weißklee und Gräser als sogenannte Pflasterritzenvegetation ansiedeln können. Bei einem so gestalteten Weg verbieten sich Abgrenzungen mit Betonsteinen aus optischen Gründen von vornherein. Aber auch sonst sollte man darauf verzichten. Allgemein heißt die Devise: Möglichst wenig Fläche versiegeln, um für Regenwasser und Lebewesen keine unnötigen Barrieren zu errichten.

 

Trocken- und Feuchtbiotope

Das heißt allerdings nicht, dass man möglichst im Garten auf alle Steine verzichten sollte. Trockensteinmauern bieten in den Lücken zwischen den Steinen Eidechsen, Blindschleichen, Wildbienen, Spinnen, Käfern und in unteren Bereichen auch Kröten Lebensraum. Auch verschiedene Pflanzen wie Mauerpfeffer, Hauswurze, Zimbelkraut und Streifenfarn lassen sich hier ansiedeln. Und eine mit Natursteinen errichtete Kräuterspirale zieht darüber hinaus auch viele Blütenbesucher an, wenn man die Kräuter zur Blüte kommen lässt. Je größer die Biotopvielfalt im Garten desto besser – was spricht dagegen, gleich neben der Trockensteinmauer einen kleinen Teich als Feuchtbiotop anzulegen? Er sollte allerdings nicht nach allen Seiten hin durch die Mauer begrenzt werden – ein flacher Zugang für Frösche und Molche, die dort ablaichen wollen, sollte vorhanden sein. Die passenden heimischen Wasserpflanzen wie Wasserlinsen, Seekannen, Binsen und Igelkolben gibt es im Fachhandel oder eventuell beim Gartennachbarn, wenn der schon länger einen Teich besitzt und etwas von seinem Überschuss abgeben mag. Mit etwas Glück schwirren bald schon Libellen über den Teich hinweg. Auch Reisig- und Totholzhaufen bieten verschiedenen Tierarten Lebensraum. Der Igel findet dort ein schönes Winterquartier, Spitzmäuse, Käfer, Spinnen, Amphibien und Reptilien einen geschützten Unterschlupf. Wer letztendlich einzieht, hängt von der Größe, dem Standort und dem Aufbau des Haufens ab. Auch einige Vögel wie Zaunkönig, Rotkehlchen oder Heckenbraunelle bauen dort manchmal ihr Nest. Anderen Vögeln, die natürlicherweise zum Beispiel in Astlöchern im Stamm alter Bäume brüten würden, kann man mit Vogelnistkästen einen Ersatz für diese mittlerweile fast nicht mehr vorhandenen Brutmöglichkeiten bieten.

 

Verzicht auf Torf

Ebenfalls im Sinne von mehr Biodiversität handelt, wer in seinem Garten auf Torf verzichtet. Die Torfgewinnung ist nämlich immer mit der Zerstörung von Mooren verbunden. Damit gehen wertvolle Biotope verloren – die Artenvielfalt wird geringer. Häufig ist es allerdings gar nicht so einfach, im Handel eine Gartenerde zu finden, die keinen Torf enthält. Wer in seinem Garten eine durchdachte Kompostwirtschaft betreibt und alle Gartenabfälle kompostiert, die sich dazu eignen, ist auf den Zukauf von Gartenerde häufig nicht angewiesen – er kann die bereits vorhandene Erde mit Kompost aufwerten.

 

Die richtigen Pflanzen

Auch bei der Auswahl der Pflanzen, die man gezielt im Kleingarten anpflanzt, kann man viel im Sinne der Biodiversität tun. Heimische Pflanzen – gerne auch traditionelle, regionaltypische Arten und Sorten – sind in jedem Fall eine gute Wahl, da viele Tiere Pflanzen aus fernen Ländern wegen anderer Inhaltsstoffe, eines anderen Blütenaufbaus oder einfach, weil diese Pflanzen nicht ihrem Suchbild entsprechen, nicht nutzen können. Die schon früh im Jahr leuchtend gelb blühenden Forsythien beispielsweise stammen ursprünglich aus China. Die meisten Insekten machen einen Bogen um sie.

Anders die heimische Kornelkirsche: Sie blüht ebenfalls schon früh im Jahr wunderschön gelb und dient Honig- und Wildbienen zu dieser Zeit mit Pollen und Nektar neben der Salweide als erste Nahrung. Zudem fressen Kernbeißer, Dompfaff, Kleiber und Eichelhäher ebenso wie Haselmaus und Siebenschläfer gerne ihre Früchte. Generell sind Pflanzen mit einfachen Blüten für alle Nektar- und Pollensammler immer besser als solche mit gefüllten Blüten. Zumindest die Staubblätter der Letzteren sind meist zu Kronblättern umgewandelt oder zwischen den zahlreichen Blütenblättern verborgen. Bei den Rosen beispielsweise sind viele Ramblerrosen und Wildrosen in diesem Sinne eine gute Wahl – zumal ihre Hagebutten nicht nur von Vögeln gerne gefressen werden. Und zu guter Letzt: Nicht nur den Gärtner freut es, wenn zu jeder Jahreszeit in den Beeten etwas blüht – auch die Bienen und viele andere Insekten wissen das zu schätzen.

 

Weitere Informationen


Die BDG-Studie „Artenvielfalt – Biodiversität der Kulturpflanzen im Kleingarten“ zum Download unter 
www.kleingarten-bund.de/de/service/publikationen/broschueren/

 

Wichtiger Hinweis

Auch wenn viele Gartenordnungen auf naturnahe Bewirtschaftung setzen: Prüfen Sie bei größeren Vorhaben zuvor, ob sie im Einklang mit der in Ihrer Kleingartenanlage geltenden Gartenordnung stehen.

 

Biodiversität – Was ist das?

Der Begriff „Biodiversität“ beschreibt die Vielfalt des Lebens. Hohe Biodiversität bedeutet zunächst einmal, dass in einem Gebiet viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten vorkommen – das ist die Artenvielfalt. Auch zwischen den Individuen einer Art sollte es Unterschiede geben – das ist die genetische Vielfalt. Als Grundlage dafür sollte es viele verschiedene Lebensräume geben – das ist die Ökosystemvielfalt.