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Leben

Kultursaat e. V., Echzell – Dem biologisch-dynamischen Anbau verpflichtet

Kleingarten Magazin
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Oktober 2018

Saatgut selbst vermehren zu können anstatt mit Hybridsorten zu arbeiten und darüber hinaus neue, qualitativ hochwertige Gemüsesorten für den ökologischen Anbau zu züchten – das sind die Ziele, für die der gemeinnützige Verein Kultursaat und seine Mitglieder sich engagieren.

Am Anfang von Kultursaat e. V. stand eine Idee – nicht die Idee eines Einzelnen, sondern das Bestreben mehrerer Gärtner, ihr Saatgut wieder selbst in die Hand zu nehmen. Mitte der 1980er-Jahre schlossen sie sich zum Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau zusammen, um mit ökologisch erzeugtem Saatgut zu arbeiten. Dabei geht es um die Arbeit mit samenfesten Sorten – Sorten, aus deren Samen sich wieder Pflanzen der gleichen Sorte ziehen lassen. Das klingt zwar zunächst einmal ziemlich unspektakulär und eigentlich selbstverständlich, aber bei den
Hybridsorten, die sich mittlerweile nicht nur im Erwerbsanbau sehr stark durchgesetzt haben, ist das anders: „Für Hybridsorten werden Eltern aus zwei Inzuchtlinien miteinander gekreuzt, die sich relativ stark voneinander unterscheiden“, erläutert Kultursaat-Geschäftsführer Michael Fleck. „Die Nachkommen, die aus dieser Kreuzung hervorgehen, sind zum einen besonders wüchsig, man spricht hier von Bastardwüchsigkeit oder Heterosis. Zum anderen sind sie untereinander enorm einheitlich. Beides sind im Erwerbsanbau sehr erwünschte Eigenschaften, so dass Hybriden eine hohe agronomische Vorzüglichkeit mitbringen und weit verbreitet sind. Wenn man allerdings von ihnen Saatgut gewinnen und aussäen würde, so würden Nachkommen mit schwer vorhersagbaren, äußerst variablen Merkmalen daraus wachsen, ganz im Kontrast zu ihren Eltern. Abgesehen davon, dass man Hybridsorten aus Gründen des gesetzlichen Sortenschutzes nicht nachbauen darf, haben die Menschen, die Kultursaat gegründet haben, sich auch die Frage gestellt, ob diese Einwegsorten zum ökologischen Anbau mit seinem Anspruch an Kreisläufe, Ganzheitlichkeit und Nahrungsqualität passen.“


Züchtung neuer samenfester Sorten
Aus diesem Initiativkreis von engagierten Bauern und Gärtnern, die Gemüse ökologisch anbauen und auch ihr Saatgut selbst vermehren wollten, ist zum einen die Bingenheimer Saatgut AG hervorgegangen, die ökologisch vermehrtes Saatgut von nachbaufähigen Sorten vertreibt. Im Onlineshop unter www.bingenheimersaatgut.de können sowohl Privatkunden als auch Erwerbsanbauer bestellen und Ökosaatgut von Gemüse, Kräutern und Blumen beziehen – unter anderem auch die Sorten von Kultursaat. Zum anderen erwachte bei einigen Mitgliedern des Kreises aber auch der Wunsch, nicht lediglich Saatgut zu vermehren, sondern darüber hinaus neue samenfeste Sorten zu entwickeln, die für den biologisch-dynamischen Gemüseanbau besonders geeignet sind. Um diese Aufgabe anzupacken, gründeten sie 1994 Kultursaat – Verein für Züchtungsforschung und Kulturpflanzenerhaltung auf biologisch-dynamischer Grundlage. Mittlerweile arbeiten Gärtner in 21 Zuchtgärten in Deutschland sowie einem in den Niederlanden und zweien in der Schweiz für Kultursaat. In der Regel arbeiten sie in Erwerbsgemüsebetrieben und erzielen den größten Teil ihrer Einkünfte durch den Anbau und Vertrieb von Gemüse. „Über unseren Verein fließen zusätzlich Projektmittel zu den Betrieben, um dort die Züchtungsarbeit zu ermöglichen“, so Michael Fleck. „Meist ist es für die Züchter eine Mischkalkulation. Aber hier in Bingenheim zum Beispiel haben wir zwei Züchter, die gemeinsam einen Zuchtgarten bewirtschaften und sich maßgeblich durch Kultursaat-Aktivitäten finanzieren. Sie haben ihren Fokus auf die Entwicklung von neuen Gemüsesorten gelegt, engagieren sich stark in unseren berufsbegleitenden Fortbildungsseminaren und beteiligen sich an laufenden Forschungsprojekten in Kooperation mit der Universität Hohenheim, bei denen wir Sorten und Zuchtlinien von Zucchini und Rote Bete prüfen und weiterentwickeln.“


Sorten für den vielfältigen ökologischen Anbau
Ein gewisser Unterschied zu Erhalterorganisationen, wie den im Rahmen dieser Serie schon vorgestellten Vereinen Arche Noah und VEN, besteht darin, dass es diesen verstärkt darum geht, die Mannigfaltigkeit von Formen, Farben und Geschmäckern alter Obst- und Gemüsesorten zu konservieren, während Kultursaat in erster Linie neue Sorten mit Blick auf den qualitätsorientierten, ökologischen Erwerbsgemüsebau entwickelt. „Wobei wir unsere Zielgruppe weiter fassen“, erläutert Michael Fleck. „Unseren leitenden Grundsätzen entsprechend entwickeln wir qualitativ hochwertige, schmackhafte Sorten mit gutem Ertragspotenzial für den vielfältigen ökologischen Anbau – und der reicht vom Erwerbsgemüsebau über Kleingärten bis hin zum Balkon. Wir wollen uns hier nicht auf Unternehmer mit einer bestimmten Hektarzahl Freilandfläche oder Quadratmeter unter Glas festlegen, sondern es geht uns wirklich um den ökologischen Anbau in seiner Vielfalt. Kleingärtner sind ja in der Regel genauso interessiert an funktionierenden Sorten wie der Erwerbsgemüsebau.“ Ein weiterer Unterschied zu den Erhalterorganisationen ist, dass sich bei diesen ein großes Netzwerk von Privatgärtnern mit beachtlichem ehrenamtlichen Engagement einbringt, während bei den Kultursaat-Züchtern immer ein mehr oder weniger großer, biologisch-dynamisch zertifizierter Gartenbaubetrieb im Hintergrund steht. „Gerade bei Fremdbestäubern braucht man für die Züchtung eine größere Menge an Pflanzenexemplaren, die miteinander abblühen“, führt Michael Fleck aus. „Von der Aussaat über den gesamten Kulturzeitraum mit all den Beobachtungen und die visuelle und sensorische Selektion bis zum Umpflanzen in das Blühquartier nimmt die Zahl der selektierten Pflanzen ja erheblich ab. Um die erforderlichen Mengen anbauen zu können, benötigt man eine bestimmte Dimensionierung des Zuchtgartens und des Selektionsbestands.“

Geschmack, Vitalität und Reifefähigkeit
Einer der Grundgedanken von Kultursaat e. V. bei der Züchtung neuer Sorten ist es, die Pflanzen und ihre Früchte nicht auf ihren bloßen Nutzen zu reduzieren. Das heißt zum Beispiel, nicht allein die Lager- und Transporteignung von Gemüse in den Vordergrund der züchterischen Bemühungen zu stellen, sondern Eigenschaften wie guten Geschmack der Früchte und Vitalität sowie Widerstandsfähigkeit der Pflanzen. Eines der wichtigsten Züchtungsziele ist die Reifefähigkeit – bei der Selektion steht nicht das allein Äußerlich-Pragmatische, wie etwa das möglichst rasche und einheitliche Ernten oder eine verlustarme Lagerung, im Fokus der Bemühungen, vielmehr sollen sich die Pflanzen artgemäß entwickeln und dabei ihre Ernteorgane voll ausbilden und ihre typischen Inhaltsstoffe und Aromen bis zur endgültigen Reife bringen können. „Sorten verbessern bedeutet in unserem Sinne, sie an die Verhältnisse des heutigen ökologischen Gartenbaus anzupassen“, so Michael Fleck. „Es bedeutet aber auch, dass die Sorten, die wir züchten, besondere Qualitäten haben sollen. Der Geschmack unserer Sorten soll mindestens typisch sein, besser noch besonders oder gar herausragend. Ein Geschmack, wie er vielleicht vor langer Zeit durchaus normal war – und eben etwas anderes als das, was wir von den ertragreichen, aber wässrigen, schnittfesten und dabei oft ziemlich geschmacksfreien Hollandgurken und -tomaten mittlerweile gewohnt sind.“ Im Allgemeinen ist über sechs Generationen Selektion nötig – was bei zweijährigen Pflanzen wie der Möhre einen Zeitraum von zwölf Jahren ausmacht –, bevor das Potenzial einer Zuchtlinie offenbar wird; zahlreiche Linien werden im Laufe der Züchtung auch verworfen. Aber wenn sich etwas wertvolles Neues herauskristallisiert, das bei internen Prüfungen auf mehreren Standorten für gut befunden wird, dann meldet Kultursaat diese Züchtung für die Gemüsezüchterinnen und -züchter beim Bundessortenamt zur Eintragung ins Sortenregister an. „Dort wird die Sorte dann unter konventionellen Anbaubedingungen zwei Jahre bzw. zwei Anbauzyklen lang geprüft“, führt Michael Fleck aus. „Wenn das Amt dabei feststellt, dass die Sorte genügend einheitlich ist und sich von den bereits bekannten, ähnlichen Sorten unterscheidet, brauchen wir noch eine Sortenbezeichnung. Zehn Jahre später prüft das Amt dann mit einem neuen Saatgutmuster des Züchters noch die Beständigkeit der Sorte – beide Saatproben müssen unter amtlichen Bedingungen nebeneinander angebaut zu einem visuell übereinstimmenden Aufwuchs führen. Bei dieser Prozedur der behördlichen Registrierung und Zulassung der Sorte verzichten wir ganz bewusst auf Ausschließlichkeitsrechte wie gesetzlichen Sortenschutz und Patente. Wir verstehen die Kulturpflanzenarten und deren Sorten nicht als Eigentum – jeder soll, wenn er möchte, jede unserer mittlerweile 81 anerkannten Sorten nachbauen und so zur biologischen Vielfalt auf Äckern, in Gärten und letztendlich auch auf unseren Tellern beitragen können.“