Zurück zur Übersicht

Leben

Verein Arche Noah – Sortenvielfalt für Gärten und Märkte erhalten

Ein Ort der Begegnung und des Begreifens von Kulturpflanzenvielfalt! Pflanzenzüc
Auch Kartoffeln haben eine erstaunlich bunte Sortenvielfalt zu bieten. (Bild: Ar
Auf Arche-Noah-Bio-Jungpflanzenmärkten gibt es alte Sorten für den eigenen Garte
Im Schaugarten gibt es Einblicke in die Arbeit von Arche Noah.  (Bild: Arche Noa
Im Schaugarten gibt es Einblicke in die Arbeit von Arche Noah.  (Bild: Arche Noa
Dezember 2017

Der Verein Arche Noah bewahrt und pflegt Tausende gefährdete Gemüse-, Obst- und Getreidesorten. Ziel sind – weit über die reine Konservierung des genetischen Materials hinaus – der Erhalt und die Entwicklung einer lebendigen Kulturpflanzenvielfalt in den Gärten und auf den Märkten.

„Arche Noah wurde 1989 gegründet, weil verschiedenen Gärtnerinnen und Gärtnern aufgefallen war, dass Sorten, die sie aus den Gärten ihrer Eltern kannten, nicht mehr verfügbar waren – ebenso wenig wie das zur Erhaltung von entsprechendem Saatgut erforderliche Wissen“, berichtet Mara Müller, Koordinatorin des Erhalternetzwerks von Arche Noah. „Zunächst eine Handvoll Menschen schloss sich zusammen, um dem entgegenzuwirken, um die traditionellen und seltenen Sorten zu sammeln und sich auch Wissen für deren Erhalt anzueignen. In den fast 30 Jahren seither ist der Verein auf rund 15.000 Mitglieder angewachsen und hat sich zu einer der größten privaten Kulturpflanzen-Samenbanken Europas entwickelt.“ Das Samenarchiv von Arche Noah birgt die Samen, Knollen oder auch Zwiebeln von etwa 6.000 gefährdeten Kulturpflanzen – sowohl genau definierte und zumindest früher für den Markt zugelassene Sorten als auch sogenannte Herkünfte oder Landsorten, die ohne Zulassung und genauere Beschreibung über längere Zeit in bestimmten Regionen kultiviert wurden. Dabei geht es dem Verein nicht darum, das genetische Material der Kulturpflanzen für eine ferne Zukunft im Archiv wegzuschließen. Vielmehr werden in regelmäßigen Abständen Samen entnommen, im Freiland ausgesät und aus den entstehenden Pflanzen dann Saatgut gewonnen, das wieder dem Archiv zugeführt wird.

Aus dem Archiv in die Gärten
„Unser Ansatz ist es, die alten Sorten möglichst lebendig, sozusagen ,on farm‘ oder ,in garden‘, zu erhalten“, betont Mara Müller. „Diese Art der Erhaltung bedeutet automatisch auch eine Weiterentwicklung der Sorten, die ich schon allein durch die Auswahl der Samenträger beeinflusse. Dass wir die Sorten so oft wie möglich anbauen wollen, hat aber noch einen weiteren Grund: Auch bei sachgerechter Lagerung verlieren die Samen im Laufe der Zeit ihre Keimfähigkeit. Die­jenigen von Tomaten oder Kraut lassen sich auch über zehn Jahre hinweg gut konservieren, bei Zwiebeln oder auch Doldenblütlern wie der Pastinake haben wir bereits nach zwei Jahren starke Verluste. Wir haben im Archiv allerdings auch Gefrierschränke, in denen wir einen Teil des Materials länger einlagern können.“

Einsteiger und Samenarchiv-Gärtner
Im Frühjahr wird aus dem Samenarchiv Saatgut von Hunderten von Sorten entnommen, meist zunächst in Aussaatschalen vorgezogen und dann ins Freiland, in den etwa einen Hektar großen Vermehrungsgarten, ausgepflanzt. Ungefähr 700 Sorten baut Arche Noah dort und im Schaugarten an. Für den Erhalt vieler weiterer Sorten setzt der Verein auf das Netzwerk der Mitglieder, die Sorten für eine bestimmte Zeit in ihre Obhut nehmen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie Mara Müller erläutert: „Mitglieder, die einfach mal einen Einblick in die Saatgutgewinnung und Erhaltung bekommen möchten, können ein Einsteigerpaket mit Saatgut von drei Sortenraritäten und einer Anleitung bestellen. Sie kultivieren dann ein Jahr lang die Pflanzen, gewinnen eigenes Saatgut davon und retournieren einen Teil davon sowie einen Fragebogen mit ihren Erfahrungen an uns. Soziale Gartenprojekte können dieses Saatgut dann von uns erhalten. Auch auf diesem Weg werden die alten Sorten verbreitet und so das Ziel des Vereins unterstützt.“ Und wenn die Einsteiger Spaß an der Erhalterarbeit bekommen haben, können sie natürlich auch weitermachen.
Für interessierte Gartenfreunde, die schon etwas mehr Erfahrung mit dem Gärtnern, ausreichend Platz im Garten und Vorerfahrung mit der Saatgutgewinnung haben, gibt es noch eine weitere Möglichkeit: Sie können Samenarchiv-Gärtner werden und so Arche Noah bei der Erhaltungsarbeit unterstützen. Als Samenarchiv-Gärtner übernehmen sie Saatgut von einer der ungefähr 150 Sorten einfacher Kulturen, die der Verein jährlich zur einmaligen Vermehrung in privaten Gärten ausschreibt. „Ein Jahr lang bauen diese ehrenamtlichen Helfer die Sorte bei sich an und vermehren sie für uns“, so Mara Müller. „Das Saatgut, das sie während dieser Zeit gewonnen haben, erhalten wir dann zurück und nehmen es nach einer Qualitätsprüfung in das Samenarchiv auf.“ Stärker als bei den Einsteigern spielen Vorwissen und Gartenpraxis für die Arbeit der Samenarchiv-Gärtner eine wichtige Rolle, da das Ergebnis ihrer Erhaltungsarbeit ja wieder in das Samenarchiv zurückgeführt wird.

Patenschaft für eine Sorte
Noch einen Schritt weiter geht die Unterstützung der Sorten-Patinnen und Paten. „Das sind Mitglieder, die eine Sorte ständig begleiten möchten“, erläutert Mara Müller. „Sie kultivieren diese Sorte in ihren Gärten während längerer Zeit, nutzen sie und gewinnen auch Saatgut, das sie uns in regelmäßigen Abständen für unser Samenarchiv geben. Die Sortenerhaltung dort oder in anderen zentralen Sammlungen ist ja eher ein Notprogramm zur Sicherung der Kulturpflanzenvielfalt, wenn Sorten im praktischen Anbau zu verschwinden drohen. Eigentlich aber muss es darum gehen, diese Sorten als Teil einer vielfältigen, lebendigen Garten- und Landwirtschaft weiterzuführen.“ Die Erhaltung einiger Sorten aber ist eine buchstäblich zu große Aufgabe für einzelne Einsteiger, Samenarchiv-Gärtner und Sorten-Paten. „Gerade im Bereich des Krauts sprengt die Erhaltungsarbeit die Möglichkeiten, die ein normaler Haus- oder Kleingarten bietet“, führt Mara Müller aus. „Da diese Pflanzen erst im zweiten Jahr blühen und fruchten und wir für den Erhalt der genetischen Breite mindestens 50 Samenträger und dafür die entsprechende Anbaufläche brauchen, bauen wir im Netzwerk Gruppen auf, die gemeinsam die Verantwortung für eine Sorte übernehmen. In mehreren Gärten werden jeweils wenige Pflanzen angebaut und unter allen werden die schönsten Köpfe und Strünke für die Vermehrung herausgesucht. Die ersten Versuche in dieser Richtung haben schon sehr gut funktioniert.“ Nicht nur Einzelpersonen, sondern auch ganze Betriebe sind Mitglied bei Arche Noah. Eine Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie biozertifiziert sein müssen – ebenso wie der Verein das ist. Solche Gärtnereien haben natürlich noch ganz andere Möglichkeiten als Einzelmitglieder, gerade wenn sie die gefährdeten Sorten auch im Verkauf nutzen und sie so als lebendige Sorten in ihrem Arbeitsalltag erhalten. Auf Antrag erhalten sie eine sogenannte „Vielfaltertafel“, die an ihrem Hof auf ihren Einsatz für die Kulturpflanzenvielfalt hinweist.

Immer wieder neue alte Sorten
Der Bestand der von Arche Noah erhaltenen Sorten ist nicht statisch – immer wieder werden dem Verein bisher nicht im Archiv aufgenommene Sorten und Herkünfte angeboten. „Was unsere Kapazitäten betrifft, sind wir nahe am Anschlag“, bedauert Mara Müller. „Früher haben wir uns ein buntes Sammelsurium zugelegt, sind inzwischen aber strenger geworden. Bei an uns herangetragenen Sorten schauen wir, wie sinnvoll ihre Erhaltung durch uns ist, welchen regionalen Bezug sie beispielsweise haben. Gerade viele alte, mittlerweile aufgelassene Handelssorten aber nehmen wir auf, um sie samenfest zu erhalten. Und im Obstbereich suchen wir auch aktiv nach interessanten Sorten.“ Die Erhaltung der Obstsorten läuft dabei häufig über Patenschaften – die Paten zahlen jährlich einen festgelegten Betrag, damit die Sorten auf Streuobstwiesen gepflegt werden können. Unter anderem solche Pflegemaßnahmen bieten auch Mitgliedern, die keinen eigenen Garten haben oder dort nicht gezielt gefährdete Sorten anbauen wollen, die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen. Im Rahmen der sogenannten Mitarbeiteraktivtage können sie einen Tag lang unter Anleitung Obstbäume pflegen oder auch Saatgut reinigen, bei einer Brotzeit mit erfahrenen Arche-Noah-Mitgliedern ins Gespräch kommen und so einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Austausch von Wissen
Den Austausch auch zwischen Gärtnerinnen und Gärtnern, die nicht als Nachbarn über den Gartenzaun oder auf Veranstaltungen Wissen und Pflanzen miteinander teilen können, fördert Arche Noah mit dem Onlineregister-Sortenhandbuch, das Anfang dieses Jahres auch Nichtmitgliedern zugänglich gemacht werden soll. Auch in Papierform lässt das Sortenhandbuch sich unter dem Namen „Netzwerk-Katalog“ bestellen. In diesem Handbuch stellen erfahrene Erhalterinnen und Erhalter die von ihnen gepflegten Sorten inklusive Erfahrungsberichten vor. Auch Sorten aus dem Samenarchiv finden dort Eingang. Wer sich für eine bestimmte Sorte interessiert und Samen bestellen möchte, kann sich direkt an den entsprechenden Erhalter wenden. Ebenfalls dem Austausch dienen in verschiedenen Regionen und auch in Deutschland veranstaltete Erhaltertreffen, an denen prinzipiell alle Interessierten teilnehmen können und auf die Arche Noah auf der Homepage hinweist. Und dann gibt es da noch den Schaugarten im niederösterreichischen Schiltern, der ab April wieder seine Pforten für Besucher öffnet. „Dieser wunderschöne Garten ist ein unglaubliches Geschenk für uns“, schwärmt Mara Müller. „In diesem ehemaligen Küchengarten des Schlosses Schiltern zeigen wir eine große Vielfalt von Pflanzensorten und viele Themenbeete, bieten Führungen an und geben Einblick in unsere Arbeit. Dieser Garten ist bei jedem Besuch aufs Neue ein Erlebnis, da der Gärtner, der ihn gestaltet, jedes Jahr den strengen Rahmen, den der Barockgarten vorgibt, neu interpretiert.“ Regelmäßig finden im Schaugarten Feste und Veranstaltungen statt und während der Saison können Besucher jeden Samstag und Sonntag in der Gartenküche probieren, wie Kulturpflanzenvielfalt schmeckt.


Die Arche Noah organisiert regelmäßig Veranstaltungen und Saatgutbörsen auch in Deutschland.

Weitere Infos:
ARCHE NOAH
Obere Straße 40
3553 Schiltern
Österreich
Telefon: +43(0)2734/8626
www.arche-noah.at