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Garten

Brombeeren im Aufwind!

Kleingarten Magazin
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September 2012

 

Auch stachellose Brombeeren sind lecker – wenn man die richtigen Sorten wählt. 

In den letzten 30 Jahren genossen die Brombeeren ein Schattendasein. Viele dornen-lose Sorten, die den Markt dominierten, waren selbst vollreif geschmacklich mäßig. Für Verarbeitungszwecke reichte die Fruchtqualität zwar aus, nicht aber für den Frischverzehr. Schwarze Früchte bedeuteten nicht zugleich Pflückreife. Eine Brombeere muss sich beim Pflücken leicht lösen, quasi „in die Hand fallen“. Nur dann können die guten Sorten geschmacklich voll überzeugen. So wie der Erwerbsobstbauer mehrmals pro Woche nur die ganz reifen Früchte auspflückt, so sollte dies auch im Freizeitgartenbau gelten. Ansonsten können geschmacklich gute neue Sorten ihre Stärken nicht voll entfalten.

 

Allgemeines und Standorthinweise

Die Brombeere, Teil der großen Familie der Rosaceae (Rosengewächse), gehört der Gattung Rubus an (Rubus fruticosus). Weitere Vertreter sind v. a. Himbeere (Rubus idaeus) und Artkreuzungen wie Tayberry, Loganbeere und Boysenbeere. Botanisch sind sie keine Früchte im eigentlichen Sinn, sondern Sammelsteinfrüchte. Im Gegensatz zu Himbeeren stellen die selbstfruchtbaren Brombeeren keine besonderen Ansprüche an den Boden, so dass sie auf leichten als auch auf schwereren Böden wachsen können. Dennoch wünschen sie weder Bodenverdichtungen noch Staunässe. Leichte, humusarme Böden sollten vor der Pflanzung mit verrottetem Kompost durchmischt werden. Der pH-Wert sollte um 6 liegen; bei > 7 können Chlorosen auftreten. Sonnige, windgeschützte Lagen empfehlen sich u. a. wegen der Fruchtausreife von Spätsorten in klimatisch weniger günstigen/höheren Lagen und wegen starken Winterfrösten. Diese können die neu gebildeten Fruchtruten über Winter zum Absterben bringen. Bei Spätfrösten können zudem die blüten- und fruchttragenden „Achselknospen“ an der Rute geschädigt werden. Die Winterfrosthärte hängt von verschiedenen Faktoren ab, u. a. Sorteneigenschaften, Neutrieb-leistung und -ausreife. Stickstoffhaltige Düngung nach Mitte Juli ist abzulehnen!

Wenn Standort, Pflege und verhaltene Stickstoffdüngung (6–8 g pro m² [quasi pro Pflanze] und Jahr = ca. 40–50 g -eines 15 % N-haltigen Düngers) sorgfältig ausgewählt bzw. praktiziert werden, dann sind Brombeeren eine vergleichsweise problemlose Kultur. Im Haus- und Kleingarten können Gallmilben (sie hinterlassen harte rote Teilfrüchte an den Beeren), Rost (Blattunterseite), in letzter Zeit ggf. auch diverse Rankenschädigungen (rötlich-violette bzw. silbriggraue bis braunviolette Flecken) auftreten. Gegen die Brombeergallmilbe können verschiedene Rapsölpräparate (3x ab Länge der Seitentriebe von 10–15 cm) und einmalig Kiron vor der Blüte eingesetzt werden. Bitte genaue Hinweise auf dem Beipackzettel der Mittel beachten! Gegen die Schädigungen der Ranken müssen vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden:

Junge Neutriebe stets rechtzeitig hochbinden, Schnittwunden im Sommer möglichst vermeiden (bzw. Geiztriebe auf längere Stummel schneiden), befallene Triebteile stets entfernen.

Eine „Radikalkur“ eines stets befallenen Bestands wäre, die Ruten ausgangs des Winters komplett abzuschneiden. Die daraus entstehenden vielzähligen Neutriebe müssen bereits frühzeitig ausgelichtet werden. Das bedeutet zwar den Verzicht auf eine Ernte, kann aber das Krankheitsniveau deutlich senken (als Nebenwirkung auch verminderter Milbenbefall).

 

Pflanzung und Schnitt

In trockenen Regionen hat sich die späte Herbst-/Winterpflanzung bewährt, in kälteren Gebieten ein Start im Frühjahr; Containerware ganzjährig. Je nach Wuchskraft der Sorten (starkwüchsige mit langen Ranken contra kompakt, mehr aufrecht wachsende Sorten) empfiehlt sich eine Erziehung als schmaler Fächer an einem Gerüst/Zaun mit vier bis fünf Tragruten. Dies erlaubt Pflanzabstände bei den eher kompakt wachsenden Sorten wie ’Navaho‘, ’Loch Tay‘ von 1,25 bis 1,50 Metern. Das Gerüst, an dem die Ranken angeheftet werden, sollte zwei bis 2,20 Meter, an wüchsigen Standorten auch bis zu 2,50 Meter aus dem Boden ragen. Wüchsige Sorten wie die heute nicht mehr primär zu empfehlenden ’Theodor Reimers‘ und die dornenlosen ’Thornfree‘, ’Thornless Evergreen‘ brauchen aufgrund der längeren Ruten mehr Platz: entweder ein höheres Gerüst, besser jedoch breite Erziehung als Spalier mit dann etwa 3 Meter Pflanzabstand.

Die abgetragenen Ruten werden am besten im Spätherbst entfernt und vier bis fünf Neutriebe zur Fruchtgewinnung im nächsten Jahr belassen. Im Laufe des Augusts sollten die sich an den neuen Ruten gebildeten Geiztriebe (sie entspringen ähnlich den Tomaten aus Achselknospen) auf Stummel eingekürzt werden (auf 3–4 Augen; bzw. 20–25 cm Länge, wenn Probleme mit Rutenerkrankungen auftreten). So wird der Bestand besser durchlüftet und lässt sich leichter beernten. Ausgangs des Winters werden die längeren Stummel auf ein bis zwei Augen eingekürzt. Verbleiben zu viele bzw. zu lange, so entstehen zu viele Blütentriebe, was die Fruchtqualität nachteilig beeinflusst.

Noch ein Tipp: Wüchsige Sorten bilden in manchen Jahren wenige, dafür sehr dicke Jungtriebe, die unerwünscht sind. Zeichnen sich bei einer Neutrieblänge von 60 bis 70 Zentimetern bereits starke Triebdurchmesser ab, so sollten diese bodennah auf zwei Augen abgeschnitten werden: Die daraus entstehenden neuen Ranken treiben dann schwächer.

 

Neue Sorten mit Perspektiven!

Bei Brombeeren waren früher bestachelte Sorten wie ’Theodor Reimers‘ üblich. Mit den in den 1970er-Jahren aufgekommenen ersten dornenlosen Sorten wie ’Thornfree‘, ’Thornless Evergreen‘ stellte sich der Slogan ein: „Dornenlose Sorten schmecken nicht“, außerdem sind sie (sehr) frostempfindlich. Mit neu(er)en Sorten hingegen können diese Vorurteile widerlegt werden, zumal ’Theodor Reimers‘ durch kleine Früchte nicht mehr heutigen Ansprüchen genügt. ’Thornfree‘ und ’Thornless Evergreen‘ sind ebenfalls nicht mehr empfehlenswert (höchstens für die Verarbeitung).

Von den von den Kunden gewünschten stachellosen Sorten ist die seit Anfang der 1990er-Jahren verbreitete ’Loch Ness‘ (S)/ ’Nessy®‘ ebenso ein Meilenstein gewesen wie ’Navaho‘ (S). Aufgrund langjährig positiver Erfahrung sind beide absolut empfehlenswert; im sehr frühen Reifebereich ’Loch Tay‘. Sie fällt durch guten Ertrag und Geschmack auf. Weitere neue Frühsorten wie ’Obsidian‘, ’Metolius‘ (beide bestachelt), ’Nightfall‘, ’Black Diamond‘ und ’Black Pearl‘ enttäuschten sowohl als Erstlingsfrüchte 2011 wie auch 2012. Außerdem sind erhebliche Ruten durch Frost ausgefallen. ’Apache‘ ähnelt ’Loch Ness‘ sehr und wird insgesamt nicht besser eingestuft.

’Karaka Black‘ und ’Helen‘ sind für unser Klima nicht geeignet.

Im mittelspäten Bereich bestätigt ’Cacanska Bestrna‘ bei uns nicht die ihr zugesagten guten Geschmackseigenschaften. Hier erweist sich die gleichzeitig reifende ’Triple Crown‘ eindeutig gehaltvoller im Aroma. Allerdings steht auch sie der Schweizer Hauenstein-Züchtung ’Asterina®‘ (= ’Loch Ness‘ x ’Chester‘) bezüglich Geschmack, Aroma, Fruchtgröße (somit hohe Pflückleistung) nach. Selbst im regenreichen (200 mm), sonnenarmen August 2010 schmeckte sie süß und deutlich besser als alle anderen Sorten. Im Versandhandel, wo Pflanzgut bereits erhältlich ist, wird sie als „Zuckerbrombeere“ bezeichnet. Ansonsten stehen Jungpflanzen ab 2013 zur Verfügung.

Auch wenn die Frosthärte nicht optimal erscheint, so sollte ’Asterina‘ zumindest in guten Lagen eine Anbauchance bekommen, denn die platzsparende V-förmige Fächererziehung ermöglicht die Verwendung mehrerer Sorten im Garten.

Auch der Zierwert der Brombeerblüten darf nicht unerwähnt bleiben. Dabei stechen ’Chester‘ (fast pinkfarbene Blüten) und ’Navaho‘ (rose) positiv hervor.

Zu guter Letzt: Brombeeren besitzen einen sehr hohen gesundheitlichen Wert. Bei den guten neuen Sorten macht also das Naschen nicht nur Spaß, sondern ist auch gesund! Roh verzehrt, kommen die vielen positiven Inhaltsstoffe voll dem Körper zugute. Und auch Fruchtaufstriche und viele andere Verarbeitungsprodukte haben ihren besonderen Charakter.

Kein Wunder, dass sich auch der Erwerbsobstbau wieder mehr der Brombeere widmet!

 

Bilder: Hubert Siegler, Fotolia/Maksim Shebeko, shutterstock/alexkar08/Christian Jung