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Garten

Schnitt von Kern- und Steinobst

Kleingarten Magazin
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Oktober 2016

In Anlehnung an die anstehenden Arbeiten in der Landwirtschaft wurde der Obstbaumschnitt vor allem in der arbeitsarmen Winterzeit durchgeführt. Zahlreiche Untersuchungen und Praxiserfahrungen belegen aber, dass ein Schnitt in der Vegetationszeit (Sommerschnitt) vielfältige Vorteile hat.

 

In der Praxis kann man Sommer- und Winterschnitt gut miteinander kombinieren und hierdurch sehr zielgerichtet auf die  Bedürfnisse der Pflanzen eingehen. Generell ist ein Winterschnitt zu Ausklang der kalten Jahreszeit, wenn der Baum bereits wieder „in den Saft“ kommt, besser als mitten in der Saftruhe, wenn der Baum Wunden nicht abschotten kann. Bis zur Blüte kann ohne Probleme geschnitten werden. Bei Pfirsichen erleichtert dies sogar die Schnittführung, indem die unterschiedlichen Knospentypen genauer unterschieden werden können. Wird im Sommer geschnitten, sollte der Schnitt bis Mitte/Ende September beendet sein.

Warum schneiden?
„Es führen viele Wege nach Rom“, dies gilt auch für den Schnitt von Obstgehölzen. Trotz unterschiedlicher Wege zum Ziel, werden im Grunde aber ähnliche Ziele verfolgt:

 

- Nach dem Pflanzschnitt, der den Ausgangspunkt der späteren Baumform definiert, sorgt  ein fortlaufender Schnitt im Lauf der Jahre dafür, dass sukzessive junges Holz gebildet wird. Ertrag, Qualität und Vitalität des Baums bleiben erhalten.


- Die Ertragszone des Baums, die ohne Schnitt vor allem in der Kronenperipherie des Baums zu finden wäre, wird durch regelmäßigen Schnitt auch in der zentralen und unteren Zone des Baums gehalten. Eine Schattierung und Überbauung der Basis unterbleibt. Das Innere des Baums bleibt zugänglich, der Baum in seiner Höhe begrenzt.


- Durch eine gezielte fortlaufende Verjüngung älterer Bäume bleibt der Ertrag bei guter Fruchtqualität hoch. Eine Alternanz – Ertrag nur alle zwei Jahre – kann bei gutem Schnitt reduziert werden. Das bei alten, ungepflegten Bäumen beobachtete Auseinanderbrechen durch statische Überbeanspruchung in Form von Zwieselbildung des Stamms, Vergabelungen der Leitastverlängerungen, ungünstige Aststellungen, ausladenden Wuchs etc. kann rechtzeitig unterbunden werden.


- Schnitt kann auch als vorbeugender Pflanzenschutz verstanden werden. So können z. B. mit Obstbaumkrebs, Rotpustelkrankheit oder Monilia befallene Triebe bzw. Früchte beim Schnitt sorgfältig entfernt und eine Ausbreitung von bestimmten Krankheiten reduziert werden. Hierzu gehört neuerdings auch ein rechtzeitiges Entfernen von Misteln, die den Obstbäumen regional verstärkt zu schaffen machen.
 

Ein naturgemäßer Obstbaumschnitt orientiert sich am natürlichen Wachstum der Bäume. Er unterscheidet die Eigenheiten der einzelnen Obstarten und greift im Idealfall nur leicht korrigierend in das System ein. Wer regelmäßig seine Obstbäume im Auge behält, kommt mit verhältnismäßig moderatem Schnittaufwand zurecht.

Werkzeuge
Wie bei jeder anderen handwerklichen Tätigkeit macht der Obstbaumschnitt nur mit guter Gerätschaft Spaß. Scheren und Klappsägen gibt es mittlerweile in großer Sortimentsbreite. Sie sollten scharf sein, gut in der Hand liegen und eine saubere Schnittführung ohne Restzapfen ermöglichen. Bei Scheren gibt es Modelle für Linkshänder, Ausführungen mit Rollgriff oder auch kleinere Modelle für schmale Hände.

Sicherheit hat beim Schneiden Vorrang. Hierfür sorgen standsichere Leitern oder je nach persönlichem Gusto auch im Winkel modifizierbare Teleskopscheren oder Sägen. Hierbei sollten Helm und ein Schutz der Augen nicht vergessen werden.

Einige Wachstumsgesetze

Bevor man zur Schere greift, macht es Sinn, sich einige allgemein gültige Wachstumsgesetze zu Gemüte zu führen. Ein sorgfältiger Rundgang um den Baum verschafft einen guten Überblick über den allgemeinen Zustand des Baums.


Wie reagiert ein Baum? Hilfreiche Wachstumsgesetze


- Spitzenförderung:
Die an oberster Stelle des Triebs stehende Knospe treibt am stärksten und steilsten durch. Die anderen Seitenknospen ordnen sich, in bestimmten Winkeln zum Trieb stehend, unter. Die Austriebsleistung lässt nach unten sukzessive nach.
In der Praxis: Das obere Drittel der in der Krone stehenden Triebe ist besonders austriebsfreudig. Ohne Korrekturen wird der untere Teil der Krone schnell überbaut. Bei Birnen macht sich nach starken Schnitteingriffen in der Krone eine kräftige Oberseitenförderung durch die Bildung zahlreicher und starker Triebe z. B. besonders deutlich bemerkbar.


- Oberseitenförderung:
Wird ein Ast in eine waagerechte Stellung gebracht, fördert dies den Austrieb der auf der Oberseite gelegenen Knospen auf der ganzen Länge des Asts. Die austreibenden Knospen bilden sich relativ schnell zu fruchtenden Kurztrieben um.
In der Praxis: Durch das Waagerechtstellen junger Triebe werden die Triebleistung beruhigt und die Bildung von Blütenknospen gefördert.


- Scheitelpunktförderung:
Neigt sich ein Ast, z. B. durch das Gewicht seiner Früchte, stärker nach unten, so entstehen besonders am Bogenscheitel kräftige neue Triebe.
In der Praxis: Neuaustriebe auf dem Scheitelpunkt können zur Verjüngung eines alternden Fruchtasts im Zuge der sogenannten Fruchtastrotation verwendet werden. Alte Fruchtastteile werden zugunsten neuer Fruchtäste durch Ableiten partiell entfernt.

 

Hilfreiche Bewertungskriterien vor dem Schnitt
Ist die Triebleistung des Baums in Ordnung? Zu stark geschnittene Bäume haben nicht selten eine Triebleistung von über einem Meter Länge. Vergreisende Bäume lassen sehr stark in der Triebleistung nach und bilden oft nur wenige Zentimeter lange Neutriebe. Pauschal lässt sich die optimale Trieblänge nur schwer angeben. Während bei Sauerkirschen und Pfirsichen 6o Zentimeter völlig okay sind, kann es bei Kernobst etwas weniger sein.


- Ist der Baum gesund? Sind Stammverletzungen oder  Krankheiten wie Obstbaumkrebs, Monilia, Rotpustelkrankheit erkennbar?

- Ist ein Aufbauschnitt noch erforderlich oder schon beendet?

- Ist der Aufbau des Baums in Ordnung oder beginnt schon eine Kronenüberbauung?

- Stehen Fruchtbarkeit und Fruchtholzbildung in einem gesunden Verhältnis zueinander?

- Ist die Höhe des Baums für den Standort akzeptabel?